Volume 1
Handbuch der orthopädischen chirurgie / herausgegeben von Prof. Dr. Joachimstahl.
- Date:
- 1905-1907
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Credit: Handbuch der orthopädischen chirurgie / herausgegeben von Prof. Dr. Joachimstahl. Source: Wellcome Collection.
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![Hinsichtlich der Kontrakturen trat an Stelle der mechanischen Theorie die mechanisch-antagonistische Theorie von Seeligmüller. So sehr auch die mechanische Theorie mit Erfolg- gegen die alten Muskeltheorien auftrat, eine Erinnerung an den Einfluß des Muskel- antagonismus auf die Stellung der Gelenke bei Kontrakturen blieb bestehen, denn die rein mechauischen Momente der Schwere und der Belastung der abnorm gestellten Gelenke durch die Körperschwere genügten den Neurologen noch nicht zur Erklärung der paralytischen Kontrakturen. Seeligmüller machte geltend, daß mechanische Momente erst in zweiter Linie in Betracht kommen. In erster Linie ist die Entstehung der paralytischen Deformitäten zurückzuführen auf die willkürliche Kontraktion der nicht gelähmten Antagonisten. Gegenüber der antagonistischen Theorie hebt Seeligmüller hervor, daß die Kontraktur nicht durch den Tonus der Muskulatur erzeugt wird. Sind von den Muskeln eines Gelenkes einzelne vollständig oder doch größtenteils gelähmt, so wird jeder willkürliche Bewegungs- versuch nur eine Kontraktion derjenigen ]\Iuskeln zu stände bringen, welche nicht gelähmt sind. Es erfolgt also eine von den Antagonisten unterlialtene Kontraktursteilung. In dieser Stellung müssen aber die Gelenke verharren, weil die willkürlich kontrahierten Antagonisten nicht in der Lage sind, sich selbst zu verlängern und ja auch durch die gelähmten Muskeln nicht verlängert werden können. Jeder neue Willensimpuls trägt dazu bei, die Kontraktion zu kräftigen und die Kontraktursteilung mehr und mehr zu fixieren. Die Fixation geschieht durch „nutritive Verkürzung der Muskeln, die um so schneller ein- tritt, je weniger passive Bewegungen mit dem betreffenden Glied vorgenommen werden. Die nutritive Verkürzung ist auf die andauernde Annäherung der Insertionspunkte der Muskeln zurückzuführen. Es treten nämlich infolge der Permanenz der Stellung regressive Ernährungsstörungen in den Muskeln ein. Bei längerer Dauer kommt es zu Schwund der kontraktilen Substanz, zu interstitieller Fettentwickelung oder zur fettigen Degeneration der Muskelprimitivbündel. Auch Wachstums- störungen der Muskeln können bei Kindern eintreten. In zweiter Linie erst kommen nach Seeligmüller die mecha- nischen Momente der Schwere und der Belastung in Betracht. Die durch die nicht gelähmten Antagonisten gegebene GliedsteUuug kann, wenn sie dem Körper die geeignete Stütze bietet, diese Stellung noch mehr befestigen und unterhalten. Bei partielleu Lähmungen am Fuß ist dies der gewöhnliche Fall. Sind alle Muskeln gelähmt, so bildet sich gewöhnlich ein Schlottergelenk. Es wird dann auf die Funktionsfähigkeit der Nachbargelenke ankommen, wie weit ein solches, völlig haltloses Gelenk noch als Stütze benutzt werden kaniL Sehr selten tritt der Fall ein, in dem die Wirkung der Antagonisten mit der Schwere und Belastung sich im Widerstreit befindet. Wie sich die Verhältnisse hier gestalten, ist noch nicht klargestellt. Seeligmüller glaubt, daß die Antagonisten, Hoffa dagegen, daß die äußeren Kräfte in der Mehrzahl der FäUe den Sieg davon tragen. An anderer Stelle gibt indes Hoffa an, daß die Schrumpfung der Muskeln die höchsten Grade erreichen kann, so daß die durch sie entstehenden Kontrakturen selbst die Schwerkraft zu überwinden vermögen. Daß bei dem Zustandekommen der Kontrakturen auch das Ueber-](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21290854_0026.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)