Die Wirkungen von Arzneimitteln und Giften auf das Auge : Handbuch für die gesamte ärztliche Praxis / von L. Lewin und H. Guillery.
- Louis Lewin
- Date:
- 1905
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Credit: Die Wirkungen von Arzneimitteln und Giften auf das Auge : Handbuch für die gesamte ärztliche Praxis / von L. Lewin und H. Guillery. Source: Wellcome Collection.
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![4. Die Sehschärfe. Die Thatsache ist durch sehr viele Beobachtungen zu belegen, dass sowohl nach der acuten wie der chronischen Opium- resp. Morphinvergif- tung Sehstörungen vorkommen, die von den vorstehend geschilderten Ver- änderungen der Pupille, der Accommodation und der Muskeln unabhängig sind. Es ist fraglos, dass z. B. Opiophagen muskuläre Asthenopie be- kommen können, aber unserer Meinung nach ebenso sicher, dass es hier auch Sehstörungen giebt, die sowohl von gewissen functionellen Verände- rungen des Gehirns als von solchen des Opticus resp. der Retina abhängen. Diese beiden Gruppen sind ohne genaue Prüfung nicht von ein- ander zu unterscheiden. Sobald aber auch nur in einigen Fällen greif- bare Störungen am Augenhintergrunde erkannt werden, wird die Möglich- keit, dass Sehstörungen auch in anderen nicht so gut untersuchten Fällen von derselben Ursache abzuleiten sind, nicht mehr unsub- stantiirt sein. a) Die acute Opium- resp. Morphinvergiftung. Schon die alte Zeit kannte eine Opiumblindheit. Ein Mann, der nicht schlafen konnte, nahm Opium und wurde dadurch plötzlich blind: „Vir cum in febre ardente post omnes noctes insomnes actas somniferum sumpsisset atque ex conciliato hoc modo somno expergefieret, inventus est, subito occoecatus fuisse. Thomas Willis berichtet ebenfalls, dass ein Mann, der gegen Kolik viel Opium genommen hatte, nach 3 Stunden über Verlust des Gesichtes geklagt habe und dann gestorben sei. Solcher Mittheilungen giebt es noch andere. Man könnte manche von ihnen als zweifelhaft ausscheiden, z. B. auch den eben berichteten Fall von Willis, weil es sich möglicherweise dabei um eine Bleikolik gehandelt hat, in der das Opium nur das die Amaurose auslösende Moment darstellte. Auch ein neuerer Bericht lässt eine solche Ver- um thung aufkommen. Ein 30jähriger anämischer Anstreicher, der früher wiederholt an Bleikolik gelitten hatte, nahm in 12 Stunden 15 g Tinct. Opii simpl. Es folgten wieder- holtes Erbrechen, am nächsten Vormittag zunehmende Verdunkelung des Ge- sichtsfeldes, Engerwerden der Pupillen, Benommensein und ein Puls von 120. Nach vier Tagen erfolgte Wiederherstellung. Eine ophthalmoskopische Unter- suchung wurde nicht vorgenommen, aber Gefässkrampf vorausgesetzt1). Hier handelte es sich sehr wahrscheinlich um eine Bieiamaurose2). Abgesehen von diesen eventuell preiszugebenden Fällen giebt es unserer Meinung nach noch einwandsfreie. Zu Anfang des 19. Jahr- hunderts galt die Fähigkeit des Opium transitorische Amaurose zu er- zeugen als eine Thatsache. Man knüpfte sie an unmässige Gaben des Mittels, und meinte, dass unter den Symptomen der Opium-Amaurose niemals Congestionen nach Kopf und Auge fehlten, was jedenfalls sicherer als das Umgekehrte ist. Man empfahl daher arzneilich eine ableitende und antiphlogistische Behandlung, während das zweite Stadium der Vergiftung 1) Hammerle, Deutsche Med. Wochenschr. 1888. No. 41. S. 838. 2) Lewin, Die Nebenwirk. d. Arzneim. 1899. S. 89. \j. Lew in und (! uil] ery, Die Wirkungen von Arzneimitteln etc. -](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21286875_0109.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)
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