Über die Grundlagen und Methoden der Grosshirnphysiologie und ihre Beziehungen zur Psychologie / von E.Th. v. Brücke.
- Brücke, E. Th. von.
- Date:
- 1914
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Credit: Über die Grundlagen und Methoden der Grosshirnphysiologie und ihre Beziehungen zur Psychologie / von E.Th. v. Brücke. Source: Wellcome Collection.
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![konnte, dürfte es ersichtlich sein, daß wir auf diesem Wege nicht nur zu einer gründlichen Kenntnis der Leistungsfähigkeit des Hunde- großhirns gelangen werden, sondern daß diese, dem Physiologen neue, vorurteilsfreie Betrachtung der vom Großhirne abhängigen Eeaktionen zugleich eine wesentliche Förderung unserer allgemeinen Vorstellungen von den Leistungen des menschlichen Großhirns bedeutet. Wenn wir uns bemühen, die Handlungen unserer Mitmenschen möglichst objektiv, gewissermaßen nur als motorische Eeaktionen auf bestimmte Eeize anzusehen, so ist es in der Tat erstaunlich, in welch weitem Bereiche die von Pawlow verwendeten Begriffe des bedingten Ee- flexes, der Hemmung, Enthemmung u. dgl. auch auf menschliches Tun und Lassen anwendbar sind. Die Schwierigkeit einer solchen Be- trachtungsweise liegt vor allem in der unübersehbaren Mannigfaltig- keit der menschlichen Eeaktionsmöglichkeiten und in der unendlichen Komplikation unseres Milieus, die uns — neben alten, überlieferten religiösen und philosophischen Vorstellungen — hindern, die Äuße- rungen unserer Mitmenschen mit der gleichen Sachlichkeit zu be- trachten, wie etwa die prinzipiell gleichartigen, aber einfachen Äußerungen eines Tieres. Abgesehen von dieser allgemeinen Bedeutung der PAWLOw’schen Untersuchungen scheint mir eine solche systematische und möglichst umfassende Erforschung der Funktionen des Großhirns an einem relativ hoch entwickelten Säugetier gerade heute von großer Wichtig- keit. Wiederholt haben wir ja in den letzten Jahren sehen müssen, daß Männer der Naturwissenschaft märchenhafte psychische Fähig- keiten bei Pferden für möglich hielten. Vielleicht werden uns ein- wandfreie Untersuchungen der bedingten Eeflexe beim Pferde einen in einer bestimmten Eichtung auffallend hocli entwickelten Analysator kennen lehren, der für die Leistungen der „gelehrigen“ Pferde mit- bestimmend war, soweit hier nicht viel gröbere Irrtümer vorliegen. Wir waren bei unseren Betrachtungen von den methodischen Schwierigkeiten ausgegangen, denen speziell die Erforschung der Großhirnfunktionen begegnet und haben gesehen, daß ein gangbarer *) Ausgehend von den Untersuchungen der PAWLOw’schen Schule au Hunden hat N. Krasnogoesk] (Über die Grundmechanisinen der Arbeit der Großhirnrinde bei Kindern. Jahrb. für Kinderheilkunde, Bd. 78 (III. Folge Bd. 28), 1913) das Ver- halten der bedingten Reflexe bei gesunden und kranken Kindern verschiedenen Alters geprüft, indem er als motorische Reaktion bei Säuglingen Sangbewegungen bei älteren Kindern das Öffnen des Mundes verwendete. Seine Beobachtungen geben ein sehr interessantes Bild von der allmählich fortschreitenden Entwicklung und Komplizierung der Großhirnfunktionen beim Kinde, die schon sehr früh die Über- legenheit des kindlichen Großhirns gegenüber dem des Hundes erkennen lassen. 385](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b22470803_0015.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


