Thatsachen zur Pocken- und Impffrage : eine statistisch-ätiologisch-kritische Studie / von H. Böing.
- Böing, Heinrich.
- Date:
- 1882
Licence: Public Domain Mark
Credit: Thatsachen zur Pocken- und Impffrage : eine statistisch-ätiologisch-kritische Studie / von H. Böing. Source: Wellcome Collection.
Provider: This material has been provided by The Royal College of Surgeons of England. The original may be consulted at The Royal College of Surgeons of England.
68/118 (page 62)
![Fälle genug, in welclicii die I*ocken im Anscliluss an die Scliutzpockon- impfung ausgebrochen sind; sie wurden indess, den herrschenden An- schauungen gemäss, so erklärt, dass die Impfung aus irgend welchen Gründen nicht mehr vermocht habe, ihren Schutz zu entfalten und das Aufkommen der Epidemie zu verhindern. Einen solchen Fall erzählt z. II. -Ur. Blümlein aus der Gemeinde Oedt im Jahre 1873 im VIII. Jahr- gang der Jahresberichte über die Leistungen und Fortschritte der ge- sammten Medicin, herausgegeben von Virchow und Hirsch. Damals war jene Erklärung eine natürliche, heute aber muss die Zulässigkeit der entgegengesetzten Erklärung mindestens zugegeben werden, dass nämlich in der Kuhpockenimpfung das causale Moment für die Entstehung der Seuche gegeben sei. Auch das Experiment spricht für diese Möglich- keit: denn einerseits hat Brautlechti) durch Culturversuche mit einer Trinkwasserbakterie, welche, Thieren injicirt, ähnliche Symptomenkom- plexe erzeugte, wie der Abdominaltyphus beim Menschen, nachgewiesen, dass nach circa l'/2 Jahren die Culturfähigkeit dieser Bakterie erlischt und ihr patliogeuer Charakter durch fortgesetzte Culturen allmälich schwächer wird; andererseits hat Grawitz'^) umgekehrt aus gutartigen Bakterien durch allmäliche Abändei-ung des Nährmaterials in längeren Culturreihen bösartige gezüchtet. Diese Züchtungsversuche von Gra- witz fallen aber um so schAverer ins Gewicht, als nach den neuesten Untersuchungen 3) die Identität des Vaccinegiftes und des Menschenpockengiftes gar nicht mehr bezweifelt werden kann. Das bewiesen im Grunde schon längst die Experimente von Thiele, Ceely, Senfft u. A., welche das menschliche Variolagift auf Euter und Vulva von Kühen übertrugen und dadurch echte, auf die Impfstellen lokalisirte Kuhpocken erzielten, deren Lymphe sich bei w^eiteren Impfungen genau so verhielt, wie die sogen, originäre Kuhlymphe3). Thiele^] gelang es ausserdem, auch ohne das menschliche Pockengift vorher durch den Thierkörper zu schicken, es in seiner Wirkung auf einen ganz geringen Grad zu reduciren. Er nahm frische Lymphe echter Variola, Hess sie 10 Tage lang zwischen Glas- platten liegen, welche mit Wachs verklebt waren, verdünnte sie alsdann mit Kuhmilch und impfte damit. Die erzeugten Pocken blieben lokal, waren aber grösser als die gewöhnlichen Kuhpocken und verliefen auch mit stärkerem Fieber. Nachdem er diese Pocken 10 mal auf andere wei- tergeimpft und dabei immer das genannte Verfahren eingehalten hatte, bekam er eine der Vaccine in jeder Beziehung identische Lymphe. — 1) Virchow's Archiv 1881, I. Heft. ^) Ebenda. 3) Vergl. Boll Inger, Über Menschen-und Thierpocken, Volkraann's Klin. Vortr. No. 116, S. 22 ff. *} Henke's Zeitschrift für Staatsarzneikunde 18.'»9. I.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b22287437_0070.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)