Thatsachen zur Pocken- und Impffrage : eine statistisch-ätiologisch-kritische Studie / von H. Böing.
- Böing, Heinrich.
- Date:
- 1882
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Credit: Thatsachen zur Pocken- und Impffrage : eine statistisch-ätiologisch-kritische Studie / von H. Böing. Source: Wellcome Collection.
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![und \anolois nichts als verschiedene Intensitätsgrade derselben Krank- heit. Warum zerlegt man Scharlach und Masern nicht ebenfalls iii ver- schiedene Formen, je nachdem sie schwer oder leicht auftreten^ warum nicht das ganze Heer der Infektionskrankheiten nach demselben Princip' Ist der Scharlach deshalb kein Scharlach mehr, wenn er in dieser Epi- demie 30X der Ergriffenen dahinrafft, in jener ohne Todesfall verläuft? wenn er in derselben Familie bei dem einen Kind mit Diphtlierie, mit Pleuritis, mit Nephritis sich verbindet und bei dem andern kaum eine schwache Röthung der Hautdecken hervorbringt? Oder hat ein Arzt, welcher mehrere Pockenepidemien gesehen, es je erlebt, dass nicht auch Geimpfte und Revaccinirte, ja Eevaccinirte und Geblätterte, von der schwersten Form der Variola ergriffen, in wenig Tagen zu Grunde gin- gen, während Nichtgeimpfte die sogen. Varioloiden leicht und rasch über- standen? Und ist es mit dem gesunden Menschenverstände vereinbar, zu sagen: dieser Geimpfte, welcher an den Pocken starb, erlag der Vario- lois, jener Nichtgeimpfte aber, den das gleiche Schicksal traf, der Variola? Nachdem wii- uns so über einige Vorfragen orientirt haben, komme ich zu dem Problem: ist eine wissenschaftliche l^asis für die Impftheorie vorhanden oder nicht? Bis vor Kurzem ist diese Frage auch noch von Anhängern der Impfung verneint worden, heute indess muss sie, auf Grund i)Ositiver ^'ersuche, entschieden bejaht werden. Die Beweise sind freilich nur indirekte, sie sind nicht aus Experimenten am Menschen mit Pockengift, sondern aus Thierversuchen entnommen. Indess ist deren Analogie mit der Vaccination eine so vollkommene, dass ein Zweifel kaum noch gestattet ist. Die hier in Betracht kommenden Untersuchungen sind folgende: I. a) Variola- und Vaccine-Pilz sind identisch (Tschamei). Auf Hühner und Kaninchen übertragen entwickeln sich aus ihm im Blute Mikrococcen, deren Culturen in Nährflüssigkeit wieder den Variola-Pilz ergeben. Exantheme treten bei Hühnern und Kaninchen nicht auf). b) Durch längere in Hühneibouillon fortgesetzte Culturen des Giftes der Hühnercholera, welches, frisch injicirt, absolut tödtlich ist, erhielt Pasteur eine abgeschwächte Form desselben, welches, den Hühnern in- jicirt, sie zwar krank macht, aber in der Regel nicht tödtet. Nach Ab- lauf der Krankheit sind die Hühner aber immun gegen das für nicht so vorbereitete Hühner absolut tödtliche ursprüngliche Virus 2). c) Dieselben Experimente und Resultate beim Rindvieh mit dem Milzbrandvirus: die durch das abgeschwächte Virus inficirteii Kühe sind I; 1. C. 2] Berliner klin. Wochenschrift 1881.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b22287437_0072.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)