Volume 1
Lehrbuch der speciellen Chirurgie : für Aerzte und Studirende / von Franz Koenig.
- Franz König
- Date:
- 1898-1900
Licence: In copyright
Credit: Lehrbuch der speciellen Chirurgie : für Aerzte und Studirende / von Franz Koenig. Source: Wellcome Collection.
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![Erweiterung und Schlängelung der Retinalvenen herbeiführt, so ist es begreiflich, dass das- selbe Krankheitsbild durch den traumatischen Druck im Gehirn herbeigeführt wird. Zwischen den Bindegewebsbahnen des Schädels und denen des Sehnerven existirt nämlich ein doppelter Zusammenhang, indem einmal die Dura mater als äussere Scheide auf den Sehnerven übergeht, und zweitens das arachnoideale Bindegewebe ihn als innere Hülle be- kleidet. So können also Krankheitsproducte aus dem subduralen Raum unter die äussere, aus dem arachnoidealen unter die innere Scheide des Nerven gelangen. Der Zusammenhang ist nun auch, wie wir oben anführten, nicht selten nachgewiesen. Auch Blutergüsse hat man zuweilen vom subduralen Raum in den Sehnerven eintreten sehen. Im Ganzen betrach- ten wir heute die Stauungspapille als einen werthvollen Beitrag subarachnoidealer Druck- erhöhung nicht nur bei Verletzungen, sondern auch bei mannigfachen entzündlichen Processen und Geschwülsten. Als Eolge langdauernder Stauungspapille ist Sehnervenatrophie nach Schädelverletzung wiederholt beobachtet worden. Freilich tritt häufiger die Ausbreitung von Blut und von entzündlichen Ergüssen nicht auf diesem, sondern auf einem directeren Wege ein, und darüber hat uns Berlin in seiner Arbeit mannigfachen Aufschluss gegeben. Die grösste Zahl der bleibenden und der wieder heilenden Sehstörungen bei Kopfverletzungen kommt zu Stande durch Fracturen, welche die Orbita, und zwar im Forameu opticum treffen. Dies sind sowohl die directen, als auch die indirecten Basisfracturen. Am häufigsten aber ereignet sich Sehstörung auf einem, oder wenn die quere Fractur durch beide Foram. optica geht, auf beiden Augen nach schweren Gewalt- einwirkungen, welche die Stirn treffen. Ganz besonders häufig wurde das Ereigniss beob- achtet bei Schussverletzung des Schädels. Berlin unterscheidet drei klinisch und prognostisch verschiedene Verletzungen. Die erste Reihe entsteht sofort nach der Verletzung und ist bleibend, die zweite, welche eben- falls sofort entsteht, bildet sich wieder zurück. Dazu kommt eine dritte Gruppe], welche sich erst in gewisser Zeit nach der Verletzung entwickelt. In der ersten Gruppe handelt es sich meist um schwere Verletzungen, Zertrümmerun- gen, Zerreissungen der Nerven, während die zweite Reihe durch resorbirbares Extravasat be- dingt wird. In der dritten Reihe handelt es sich um secundär entzündliche Processe. Was die Frage anbelangt nach der Diagnose dieser Fälle durch das Ophthalmoscop, so wird da, wo die Arterie ganz getrennt ist, wohl ischaemische Papille vorhanden sein, während da, wo nur Compression der Gefässe, Stauungspapille zu erwarten ist. Die Diagnose hat selbstverständlich mit der Möglichkeit intracranieller Verletzung zu rechnen, so auch der Möglichkeit von Zertrümmerungsherden im Gehirn und der Stelle des Opticuscentrums. Einseitigkeit macht periphere Verletzung wahrscheinlich, doch wird dieselbe, wie wir sahen, durch Doppelseitigkeit nicht ausgeschlossen. Die Endausgänge der Sehstörung sind, wie wir sahen, nur zum Theil günstig. Bei Ver- letzung der Nerven kann directe Atrophie der Sehnerven folgen, aber auch ohne diese Ver- letzung vermag eine Neuritis descendens das Sehvermögen vollkommen und dauernd zu zer- stören. Sehr ungünstig scheinen im Allgemeinen die einseitigen, plötzlich nach schwerer Verletzung entstehenden Amaurosen zu sein, denn nur einmal trat unter 27 von Berlin beobachteten Fällen Restitution des Sehvermögens ein. § 40. Bei der Bestimmung der Prognose des Gehirndrucks kommt es selbstverständlich in erster Linie auf das Maass des ausgeübten Drucks, sodann aber auf die verschiedenen Ursachen desselben, welche wir speciell zu betrachten haben, an. Wie auf der einen Seite z. B. durch ein Blutextravasat aus dem Stamm der Meningea bereits innerhalb einiger Minuten eine Drucksteigerung herbeigeführt werden kann, welche mit dem Tod endigt, so wird, falls dieselbe Menge Blutes sich ganz allmälig im Schädelraum ansammelt, nur eine leichte Form von Gehirndruck zur Entwicklung kommen und die Depressionsfractur ruft vielleicht nur ein oder das andere Symptom des Druckes, die Puls- verlangsamung mit Erbrechen, ein gewisses Benommensein oder dergl. hervor. Sind erheblichere Symptome ausgebildet, so versteht es sich wohl von selbst, dass die Prognose in erster Linie davon abhängt, ob dieselben stille stehen oder gar rückgängig werden, oder ob sie progressiv sind. Am aussichtslosesten ist der Verlauf dann, wenn man auf eine durch entzündliche Processe herbei- geführte Drucksteigerung schliessen muss, denn hier liegen in dem entzünd- lichen Process selbst Momente eingeschlossen, welche die oft zum Tode](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28119824_0001_0093.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


