Die Verletzungen des Auges : ein Handbuch für den Praktiker / von E. Praun.
- Praun, E.
- Date:
- 1899
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Credit: Die Verletzungen des Auges : ein Handbuch für den Praktiker / von E. Praun. Source: Wellcome Collection.
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![Am schlimmsten ist die Verletzung mit ungelöschtem Kalk, welcher ausser- ordentlich rasch durch die hohe Wärmeentwickelung und Wasserentziehung zu intensiver Verbrennung und Nekrose des Gewebes führt. Weniger heftig ist die Entzündung mit Kalkbrei und Kalkmilch, doch führt ihr Vorhandensein im Binde- hautsacke bei längerer Einwirkung zu ausgedehnter Trübung der Hornhaut, eventuell mit partieller Nekrotisierung von Hornhautgewebe. Dieselbe Einwirkung hat der Mörtel; der gemischte Sand setzt eine weitere Gewebsläsion und bettet sich zusammen mit dem Kalk tief in das Gewebe, besonders die Bindehaut, ein. Der Ätzkalk wird nur in fester Form verarbeitet; deshalb sind Verletzungen damit selten, auch wohl aus dem Grunde, weil die Arbeiter mit diesem Stoffe vor- sichtiger umgehen; am häufigsten sind naturgemäss die Verletzungen mit Kalkbrei und Mörtel. Die Wirkung des Kalkes beruht darauf, dass er dem Gewebe intensiv Wasser entzieht, besonders der ungelöschte, und dass er dasselbe nekrotisiert; weiterhin kommt es zur demarkierenden Entzündung und Bildung einer dichten Narbe. Ausgiebige Versuche über die Wirkung von Kalk im Auge machte Gosselin (1); er empfiehlt schliesslich auf Grund eigener Erfahrung eine Zuckerlösuug, Avelcher er im Beginn neutralisierende, später aufhellende Wirkung zuschreibt. Dieselbe soll so wirken, dass sie der Hornhaut Kalk entzieht, indem sieh der Zucker mit dem Kalkhydrat zu Kalkzucker verbindet. V. Gouvea(2) experimentierte ebenfalls am Kaninehen, um die Einwirkung des Kalkes auf die Hornhaut aufzuklären. Er fand, dass der Kalk zunächst das Ej)ithel zerstört, wobei das ver- dünnte Ei)ithel, vermischt mit den Kalkpartikelchen, eine krümelige Detritusmasse bildet, welche im Bindehautsack vorgefunden wird. Weiterhin dringt (U-r Kalk in Form ganz kleiner Partikel- chen in das Gewebe ein und zerstört dasselbe durch Entziehung von Wasser. Das verbrannte und stark intiltrierte Gewelje stösst sich in der Folge ab und an seine Stelle setzt sieh ein kalkliaUiges Narbengewebe, welches dann besonders viel Kalk enthalten soll, wenn die Detritusmasse ans dem Bindehautsack nicht entfernt worden ist. Die weisse Far})e der nach Kalkverbrennung entstandenen Trübungen soll hauptsächlich durch die Anwesenheit des Kalkes bedingt sein. Eine gründliche Behandlung des Gegenstandes verdanken wir der vorzüglichen und für eine Inauguraldissertation ausnahmsweise inhaltsreichen Arbeit von Gühmann (3). Derselbe brachte Kalkmilch in den Bindehautsack des rechten Auges des Kaninchens und beliess dieselbe sieben ]\Iinuten darin. Nach dieser Zeit zeigte sich die Hornhaut gleiehmässig grau getrübt, entsprechend dem Aussehen des Milchglases. Nach einer Stunde war die Hornhaut intensiv weiss verfärbt, die Trübung i^orzellan- artig. Nach 24 Stunden fanden sich an verschiedenen Stellen kleine Epithelabschürfungen und die Oberfläche war uneben, die Farbe unverändert. Nach vier Tagen hatte sieh die Hornhaut etwas aufgehellt und erschien grauweisslich; die centrale Partie zeigte das frühere weisse, porzellan- artige Aussehen, doch war dieselbe nieht mehr so regelmässig. Am fünften Tage erfolgte eine Perforation unten hart an der Sklera. In das linke Auge war gleichzeitig dieselbe Lösung ein- gebracht und ein Heftptiasterverband angelegt Avorden. Als derselbe nach vier Wochen aljgenommen wurde, zeigte sich, dass vom Auge nur ein Stumpf vorhanden war. Gühmann glaubt, dass die Kiükimprägnierung der Plornhaut an und für sich schon genüge, um eine eitrige Entzündung in derselben anzufachen, dass also der Zutritt von Mikroorganismen zur Erzeugung von Panoplitalmie nicht nötig sei. Er hat hierbei übersehen, dass solche ja doch aus dem ßindehautsack stammen können. Die mikroskopische Untersuchung ergab körnige Trübung und Schrumpfung des Epithels, sowie Ablösung desselben von dem Stratum proprium; dasselbe zeigte sich durchzogen von einem Netz von Bruchliuicn. Die Festigkeit der Verbindung, sowohl der Zellen unter sich als auch der Fusszellen, schien aufgehoben zu sein, indem die Kittsubstanz durch den Kalk alteriert worden war. Die Imbibition des Epithels mit Kalk war keine gleichförmige. An manchen Stellen war sie sehr intensiv und solche Partien Maren dunkelschwarzgrau, an anderen war sie weniger ausgesprochen; jede einzelne Zelle war mit einer Kalkschale eingehüllt. Im Stratum proprium zeigte sich zwischen den einzelnen Fibrillen dieselbe Kalkeinlagerung, indem die zwischen den Balken liegenden Lymphräume mit Kalkpartikelchen vollgepfropft waren. Diese Infiltration reichte bis zur Membrana clastica jiosterior, wo sie mit einer scharfen Grenze Halt machte. Die weisse Färbung der Hornhaut bei Verbrennung mit ungelöschtem Kalk beruht dem- nach vorwiegend auf Imbibition der Hornhaut mit Kalkbestandtcilen, wozu noch die Eiweiss- 4](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21286279_0040.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


