Kritik der medicinischen Erkenntnis : eine medicin-geschichtliche Untersuchung / von Prof. Dr. Hugo Magnus.
- Hugo Magnus
- Date:
- 1904
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Credit: Kritik der medicinischen Erkenntnis : eine medicin-geschichtliche Untersuchung / von Prof. Dr. Hugo Magnus. Source: Wellcome Collection.
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![bis zum Höhepunkt der antiken Medizin unter Galen. selbst ein mit so eminentem Verständnis für das Reale in der Natur ausgerüsteter Geist wie Aristoteles machte davon keine Ausnahme — daß die Erscheinungen der vegetativen wie animalen Funktionen Sache der Spekulation sei, anschloß, glaubte man die Aufgaben, welche die Absätze i und 3 des Schemas stellten, durch ausschließliche Geistesarbeit lösen zu können. Die Folgen, welche der Verfasser der Vorschriften seiner Zeit einem solchen Beginnen mit den Worten in Aussicht gestellt hatte: „Wenn der Verstand jedoch nicht von einer tatsächlichen Einwirkung, sondern vielmehr von einer plausiblen Einbildung seinen Ausgang nimmt, dann bringt er in vielen Fällen eine schwierige und unangenehme Lage zu Stande. Solche Leute schlagen einen ungangbaren Weg ein (Übersetzung von Fuchs, Bd. I S. 57) ließen denn auch nicht auf sich warten. Die Heilkunde wurde ohne Rettung in die Fesseln einer wilden Spekulation geschlagen und damit die segensreichen Wirkungen, welche im anderen Fall die Einfügung der Anatomie und Physiologie in den erkenntnis-theoretischen Vorgang hätten haben müssen, größtenteils zu nichte gemacht. Meist bediente sich dabei die Heilkunde für ihre Spekulationen und Theorien solcher Anschauungen, welche die jeweilig herrschende Philosophie für den Aufbau ihrer Weltanschauung zu Tage gefördert hatte. So fußte die Humoral-Pathologie auf den Lehren des Thaies und Empedokles. Die solidare Pathologie des Asklepiades (124 v. Chr.) ging aus dem atomistischen System der Epikuräer hervor, an das sich die Methodiker mit ihren ,,Kommunitäten gleich- falls anlehnten. Die Pneumatiker wieder, welche im ersten christ- lichen Jahrhundert sich unter Führung des Athenäus auftaten, hingen mit der Philosophie der Stoiker zusammen. So war denn also an der Wende der heidnischen und christ- lichen Zeit der erkenntnis-theoretische Prozeß endgültig an den Punkt gelangt, vor dem ihn zu bewahren der Verfasser der hippokratischen Vorschriften schon 500 Jahre früher eifrigst be- strebt gewesen war. Aus der klinischen Medizin des Corpus hippocraticum war eine philosophische Medizin, eine medicina rationalis, wie sie Celsus, eine iocxpiv-r] loyiv-rj, wie sie Galen (Introductio, Kap. III, Kühn, S. 678) nennt, geworden. § 14. Der erkenntnis-theoretische Vorgang bei den Empirikern. Neben der eigenartigen Entwickelung, welche der erkenntnis- theoretische Vorgang in der medicina rationalis gefunden hatte,](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b24757433_0061.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)