Kritik der medicinischen Erkenntnis : eine medicin-geschichtliche Untersuchung / von Prof. Dr. Hugo Magnus.
- Hugo Magnus
- Date:
- 1904
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Credit: Kritik der medicinischen Erkenntnis : eine medicin-geschichtliche Untersuchung / von Prof. Dr. Hugo Magnus. Source: Wellcome Collection.
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![Band I, Seite 131) gesagt hat: „dvaXoyiaiiis S'laxl aüyxpLoic, xal xaxaXYjt];^? ahlm oScpeXovxwv 6[ioiöx7)atv, kann als maßgebend für die medicina rationalis des ganzen Altertums gelten. Fast alle Schulen haben sich die Ursachen der Erkrankungen mit Hilfe von Ähnlichkeiten, und zwar mitunter der seichtesten und oberfläch- lichsten, zu erklären gesucht. Nicht viel anders haben die Verhältnisse in der antiken Physio- logie gelegen. Auch hier suchte man die Lebenserscheinungen des Organismus viel lieber durch die Ähnlichkeit mit irgend einem anderen, außerhalb des menschlichen Körpers vorhandenen Vor- gang zu erklären, als durch Beobachtung und Versuch. So sind z. B. die meisten optischen Lehren des Altertums eigentlich nichts wie Gleichnisse und zwar Gleichnisse, bei denen man das Gemein- same, den Vergleichungspunkt, durch eine gewaltsam konstruierte Ähnlichkeit irgend einer physiologisch-optischen Erscheinung mit etwelchem anderweitigen, irgendwo außerhalb des Organismus be- obachteten Vorgang geschaffen hatte. So sind die Seh- und Licht- theorien des Anaxagoras, Empedokles, Plato, Epikur u. s. w. eigentlich nichts wie mehr oder minder erzwungene Parallelisierungen physiologisch-optischer Vorgänge mit irgendwelchen beliebigen Er- scheinungen der umgebenden Welt. Daß aber die nachhippokratische Physiologie mit Vorliebe sich des Analogieschlusses und zwar der allerbedenklichsten Art desselben, des hypothetischen, bedient hat, kann nicht weiter auffallen, wenn wir erwägen, daß die Philosophie, in deren Händen sich ja die Er- forschung der Natur lange genug befunden hat, die Analogie als eine der vier Hauptkategorien nennt, auf denen die Bildung eines Wahrnehmungsurteils beruhen sollte. So sagt z. B. Epikur (Dio- genes Laertius Seite 262, Absatz 15) „xal fap af lizLwiai naaai ttTO Tc5v afa9-Tr]'a£ü)v ytyö'^a.oi xaia xe 7i£p(jxx(j)aLV >tal avaXoytav xal 6[ioidx7]xa y.al auv-S-eatv au|ißaXXo[i£vou xi xal xoO Xo-(La\ioü. Wunderbar und eigentlich gar nicht zu verstehen ist die Tat- sache, daß man auch in anatomischen Dingen immer noh den Ähnlich- keitsbegriff als Grundlage für ein Erfahrungsurteil gelten ließ. Es ist diese Erscheinung deshalb so über die Maßen verwunderlich, weil doch bereits Herophilus und Erasistratus genügend gezeigt hatten, daß in anatomischen Sachen kein anderes Urteil gestattet sei, als dasjenige, welches auf Beobachtung, und zwar auf unmittelbarer, beruht. Aber anstatt an dieser goldenen Regel der großen Alexan- driner unentwegt festzuhalten, begann man gar bald an Stelle des](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b24757433_0068.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)