Kritik der medicinischen Erkenntnis : eine medicin-geschichtliche Untersuchung / von Prof. Dr. Hugo Magnus.
- Hugo Magnus
- Date:
- 1904
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Credit: Kritik der medicinischen Erkenntnis : eine medicin-geschichtliche Untersuchung / von Prof. Dr. Hugo Magnus. Source: Wellcome Collection.
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![15. Jahrhundert anhebenden Renaissance. Bd. I S. 305 ff.) den allgemeinen Gang des medizinischen Denkens zu entwickeln. In dem Buche de constitutione artis med. (Kühn, Bd. I S. 264) gibt er eine Einteilung der Aufgaben, welche der Arzt bei der Behandlung zu erfüllen hat. In Method. therap. (Kühn, Bd. X S. 50], im Komment. II in Hipp (Kühn, Bd. XV S. in) versucht er ein System der Krankheitsursachen und Krankheits- Symptome zu entwerfen, welches dem Arzt die Punkte liefern soll, die bei der Bildung des Urteiles über den einzelnen Krankheitsfall in Frage kommen. NatürUch können wir aber auf alle diese ein- zelnen Schemata hier nicht näher eingehen; dies hieße eine genaue Darstellung der galenischen Medizin überhaupt geben und würde uns von unserem Zwecke, eine allgemeine Charakteristik des er- kenntnis-theoretischen Prozesses zu entwerfen, viel zu weit ab- führen. Wir werden uns daher hier darauf zu beschränken haben, zuvörderst eine, und zwar ins Einzelne gehende Darstellung von dem Schema zu geben, welches Galen von dem allgemeinen Ge- dankengang in der Medizin entwirft und dann gestützt auf den ganzen Canon galenicum den erkenntnis-theoretischen Gang zu zeichnen, welchen Galen seinem praktischen Handeln wie auch seiner Erforschungsmethode zu Grunde gelegt hat. Was nun zunächst das in der Ars medica Kapitel I von Galen entworfene System der allgemeinen Aufgaben der Medizin anlangt, so geht dasselbe nirgends speziell auf irgend eine praktisch-medi- zinische Frage ein, sondern behandelt nur die Beziehungen, welche zwischen Krankheit und Gesundheit obwalten, ganz im allgemeinen. Es will dieses System dem Arzt offenbar alle die Wege zeigen, die derselbe einzuschlagen hat, um über die Grenzen zwischen Gesund und Krank stets ein verläßliches Urteil fällen zu können. Man darf es deshalb ohne weiteres als das erkenntnis-theoretische Para- digma bezeichnen, nach welchem der Aufbau der Begriffe Gesund und Krank in ihrer allgemeinen Wesenheit erfolgen sollte. Und die erkenntnis-theoretische Entwickelung dieser beiden Begriffe benutzt Galen dann weiter, um aus ihnen das Wesen der Medizin überhaupt zu erklären. Dabei verfährt er in der Weise, daß er, ausgehend von der Vorstellung, daß eine jede Wissenschaft in dreifacher Richtung, in analytischer, synthetischer und dialytischer, betrachtet werden müsse, meint, auch die Medizin müsse aus drei verschiedenen Teilen sich zusammensetzen. Dementsprechend nennt er die Heilkunde die Wissenschaft des Gesunden, des](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b24757433_0073.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)