Kritik der medicinischen Erkenntnis : eine medicin-geschichtliche Untersuchung / von Prof. Dr. Hugo Magnus.
- Hugo Magnus
- Date:
- 1904
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Credit: Kritik der medicinischen Erkenntnis : eine medicin-geschichtliche Untersuchung / von Prof. Dr. Hugo Magnus. Source: Wellcome Collection.
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![Kranken und des zwischen beiden liegenden neutralen Zustandes. 'laTpiXY) ioxiv lmaxt]\ii] tSyieivcSv xal voauSwv y.al ouosTepwv (Kühn, Bd. I S. 307), so sagt er; wobei aber natürlich das t6 ouSexep&v, d. h. der neutrale zwischen gesund und krank liegende Zustand nichts ist wie ein Produkt der galenschen Sophistik. Denn der Mensch ist eben entweder gesund oder krank und ein Mittelding zwischen beiden mag wohl in einem philosophischen System, aber nimmermehr im Leben zu finden sein. Auf dieser Grundlage baut er nun das allgemeine erkenntnis-theoretische Schema unserer Wissenschaft in folgender Form auf. Wir werden dieses galensche System unseren Lesern in Form eines Stammbaumes (siehe S. 59) vorführen, da es in dieser Art der Darstellung wohl am leichtesten verständlich und zugleich am übersichtlichsten sich zeigen dürfte. An dieses, wie man sieht, ganz allgemein gehaltene Schema schließt Galen nun eine weitgehende Systematik all der körper- lichen Zeichen, welche für die Gesundheit, die Krankheit und den zwischen beiden stehenden neutralen Zustand Geltung haben sollten. Die einzelnen Körperorgane werden, jedes für sich, in eingehendster Weise darauf hin geprüft, wie sich in ihnen die drei Bestandteile, welche das Wesen der Medizin ausmachen sollen, verhalten. Diese Betrachtung gliedert sich nochmals wieder drei- fach, je nachdem die an den Organen gefundenen Zeichen den augenblicklichen Zustand und seine Beziehungen zu gesund, krank und dem neutralen Verhalten anzeigen (Diagnose), oder je nach- dem sie einen Schluß auf das zukünftige Verhalten gestatten (Pro- gnose), oder je nachdem sie von dem früheren Verhalten berichten (Anamnese). Sehen wir von dem sehr vernünftigen Verlangen Galen s ab, daß der Arzt seine erkenntnis-theoretischen Operationen bei Beurteilung des einzelnen Falles in den drei Richtungen der Diagnose, Pro- gnose und Anamnese entwickeln solle, so müssen wir willig ein- räumen, daß der ganze Versuch des Pergameners, das Wesen der Medizin zu systematisieren resp. erkenntnis - theoretisch klar zu legen, vollkommen verfehlt ist. Denn er steht nur auf den gläsernen Füßen einer spitzfindigen Spekulation und entbehrt der Beziehung zu dem praktischen Bedürfnis eigentlich vollständig. Mehr Fühlung mit den Forderungen der Praxis, trotzdem auch hier noch genug philosophische Systematisierung mit unterläuft, entwickelt Galen in der Darstellung der allgemeinen Grundsätze](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b24757433_0074.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)