Kritik der medicinischen Erkenntnis : eine medicin-geschichtliche Untersuchung / von Prof. Dr. Hugo Magnus.
- Hugo Magnus
- Date:
- 1904
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Credit: Kritik der medicinischen Erkenntnis : eine medicin-geschichtliche Untersuchung / von Prof. Dr. Hugo Magnus. Source: Wellcome Collection.
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![sind, schob Galen sowohl in der Praxis, wie ganz vornehmlich aber in seiner Forschungsmethode, wo und wann es ihm paßte, unbe- kümmert zur Seite. Diese Tatsache hat aber nicht allein seinem eigenen Wissen sehr geschadet, sondern sie hat auch die Ent- wickelung der Medizin bei seinen Nachfolgern in der allerungün- stigsten Weise beeinflußt. Kamen doch die Erben des galenschen Systems im Hinblick auf ihren Meister schließlich dazu, die Ver- standesarbeit sogar als den Beginn des medizinischen Erkenntnis- ganges anzusprechen. So heißt es z. B. in dem pseudogale- nischen Buch ,,Definitiones medicae (Kühn, Bd. XIX, S. 351): „upoYjyeixat 5fe zrlc, upa^ews fleupt'a. •a-eupviaai yap 11 Tipöxepov xpY], eTieixa ouzwc, Tcpa^ac. äpjri yäp xy]? ^tiI xmv epywv xpißYji; -q oia. xoü Xöyou 5t5aaxaX(a. Auffallend ist dabei der Umstand, daß Galen selbst da, wo ihm die Beobachtung des Tatsächlichen ohne weiteres ermöglicht war wie in der Anatomie, oder da, wo er sich dieselbe auf dem Wege des Experimentes und zwar durch so verständige Versuche wie z. B. die Nervendurchschneidungen zu verschaffen suchte, doch der Spekulation anheimfiel. So sind alle Teile des galenschen Systems, die Anatomie, Physiologie, Pathologie, klinische Beobachtung, Phar- makologie, Therapie auf das Reichlichste mit einem spekulativen Einschlag versehen. Trotz dieser in der übertriebenen Spekulation liegenden Schwächen des galenschen Erkenntnisganges läßt derselbe in anderer Hinsicht doch einen merklichen Fortschritt erkennen, welcher in der Entwickelung und dem Ausbau der medizinischen Hilfs- wissenschaften beruht. Denn Galen war emsig bestrebt, neue Wege zu finden, auf denen die zur Bildung eines End- urteiles erforderlichen Einzelurteile in reichlicher Fülle gefunden werden könnten; oder er suchte doch wenigstens die Wege, welche seine Vorgänger bereits gewiesen hatten, möglichst zu ebnen und gangbarer zu gestalten. So kennt das galensche System denn eine Reihe von Hilfswissenschaften, welche den medizinischen Er- kenntnisgang fördern sollten, nämlich die Anatomie, Physio- logie, Pathognomie (etwa der modernen allgemeinen Pathologie und pathologischen Anatomie entsprechend), Pharmakodynamik, Therapie, Geschichte der Medizin. Alle diese Zweige unserer Wissenschaft wurden von dem Pergamener herangezogen, um die Einzelwahrnehmungen, welche die klinische Beobachtung gewährte, erkenntnis-theoretisch auszugestalten.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b24757433_0078.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)