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Credit: Geschichte der Medizin / Max Neuburger. Source: Wellcome Collection.
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![und chronischer Leiden, über den rechten Augenblick zur Vornahme ärztlicher Eingriffe, über Chirurgie, Arzneimittel (namentlich Nieswurz und Bibergeil) und theurapeutische Hilfsmittel im allgemeinen. Nach den erhaltenen Fragmenten zu schließen, war er ein ausgezeichneter auch chirurgisch hochbegabter Therapeut, der alle zu Gebote stehenden Methoden mit Umsicht verwendete, freilich aber aus suggestiven Gründen auch abergläubische Mittel (z. B. Amulette) benützte-, theoretisch be- merkenswert ist es insbesondere, daß Archigenes die Pulslehre auf jene Höhe brachte, die sie überhaupt in der antiken Medizin erreichen konnte, daß er eine ganze Reihe von ver- schiedenen Schmerzempfindungen unterschied, aus deren Qualität er den Sitz der Krankheit bestimmen wollte und daß er die primären von den bloß sympathischen, sekun- dären Krankheitszuständen scharf zu trennen suchte. Archigenes, Sohn eines als Pharmakologen bewährten Arztes, Philippos, ge- hörte zu den besten Autoren des Altertums, wenn er auch gewiß in sehr bedeutendem Maße von den Vorgängern abhängig ist. Obwohl er zu den galanten Modeärzten zählte und den Wünschen der vornehmen Damen (ßaoiXixal ■pvalv.tq) sogar durch Angabe von Haarfärbemittel sehr entgegenkam — der Leibarzt des Trajan, Kriton schrieb ein eigenes Handbuch der Toilettenkunst') — haftet ihm doch kaum ein Zug von Scharlatanerie an. Wo der bissige Juvenal von Aerzten spricht, nennt er ihn, sein Name ist bei dem Dichter geradezu der Gattungsname für „Aerzte. — In seinen Lehren weicht Archigenes nicht selten von den früheren Meistern der pneu- matischen Schule, wenigstens in Einzelheiten ab. Die Fieber leitete er von abnormer Steigerung der Wärme und Trockenheit ab (bei Athenaios ist es Wärme und Feuchtigkeit), auch folgte er in der Angabe über die vorherrschenden Qualitäten bei den intermittierenden nicht ganz den Vorgängern und unterschied (gegenüber Herodotos) als Stadien: die «px*]) äx(j,-f], itapaxfx-f) und aveat?. Die Fieber zer- fallen in drei diagnostisch (nach der Aetiologie, Pulsbeschaffenheit, Wärme, Harn, Allgemeinzustand) erkennbare Arten, nämlich Eintagsfieber, septische und hektische, je nachdem die Fäulnis im Pneuma, in den flüssigen oder festen Teilen ihren Sitz hat; nach dem Verlauf in intermittierende und kontinuierliche, nach der Dauer in xatölst? (bis zu 7 Tagen), h^elq (bis zu 14 Tagen), ipönoi (bis zu 40 Tagen), ßpttX<^XP°^^°^ (über 40 Tage anhaltend). Von Hippokrates nahm Archigenes wieder die lange verworfene Lehre von den kritischen Tagen auf, sprach jedoch dem 21. Tage größere Bedeutung zu als dem 20., dem 27. eine geringere als dem 28. Tage. Den Glanzpunkt bildete die Pulslehre. Unter otpufjAo? verstand er die normale Bewegung der Arterien und des Herzens (zum Unterschied von tpofio;, ojtaofJLoc, iiaX|jLos vergl. Praxagoras) und führte die Systole wie die Diastole auf eigene Kraftäußerung zurück (vergl, Herophilos). Wie Heropbilos nimmt Archigenes ') Die Kosmetik des Kriton enthielt unter anderem Mittel zur Beförderung des Haarwuchses, gegen das Grauwerden, Salben und Pflaster für den Teint, Augen- schminken, Zahnputzmittel, Pillen gegen den Geruch aus dem Munde, Salben gegen den Schweiß in der Achselhöhle, Laugen gegen dunkle Flecke am Halse, Glanz- seifen für die Hände, aromatische Tinkturen für Gewänder, Sprengmittel für Schlaf- zimmer etc.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21352471_0001_0348.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


