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Credit: Geschichte der Medizin / Max Neuburger. Source: Wellcome Collection.
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![Aretaios, Rhuphos, Soranos. Die Spirallinie der geschichtlichen Entwicklung führte das medizinische Denken unverkennbar wieder zum Rationalismus, allerdings auf höherer Stufe, zurück, und die pneumatisch-eklektische Schule bedeutet nichts anderes, als eine Erneuerung der dogmatischen Fundamentalsätze, deren humoralpathologischer Inhalt freilich durch die Pneumalehre erweitert, durch die Qualitätentheorie verschleiert, durch die Heranziehung aller bisher erzielten theoretischen und praktischen Errungenschaften wesent- lich modifiziert wurde. Eine logische Geschichtskonstruktion würde als weitere Etappe schließ- lich die vollendete Rückkehr zu Hippokrates selbst erfordern, von dem sich ja einst die dogmatische Richtung auf der Suche nach rationeller Begründung der Kunstregeln ableitete, sie würde die Existenz eines Mannes präsumieren, dessen Denken und Wirken gleichsam die Asymptote zu einem den Zeitansprüchen äquivalenten, wissenschaftlich gefestigten Hippokratismus darstellt. Ideal und Wirklichkeit fällt in dieser Epoche tatsächlich zusammen in einigen — Meisterwerken, über deren vielumstrittenen Verfasser wir leider bloß das eine mit Sicherheit wissen, daß er, weder auf seine, noch auf die nachfolgende Zeit (wenigstens nach den äußerst spärlichen Zi- taten der späteren Autoren zu urteilen) einen tiefer eingreifenden Ein- fluß ausgeübt hat. Es sind dies die glücklicherweise noch erhaltenen Bücher des Aretaios aus Kappadokien: Ueber die Ursachen und Kennzeichen der akuten und chronischen Krankheiten (Tuepl cfXzim %al a'r][j,eL(öv o^etov %al xpov'mv Tza^m) und über die Behand- lung derselben (Tcspl ■9'epa7csia? 6iem %al ipov'im Tua^cöv) —Schriften von unvergänglichem Werte, Denkmäler echt hippokratischer Geistes- hoheit ! Da Aretaios keinen medizinischen Autor außer Hippokrates erwähnt, und die Alten seiner ebensowenig gedenken, so herrschen über seine Lebenszeit nur Vermu- tungen, die sich vorwiegend auf Inhalt und Darstellungsweise seiner Schriften stützen. Der Umstand, daß er dem Pneuma eine bedeutende Rolle zuerkennt, hat neben an- deren Momenten zur Annahme geführt, daß er in der zweiten Hälfte des 1. Jahr- hunderts n. Chr. (wohl eine Zeitlang auch in Aegypten) lebte; der ionische Dialekt Nenburger, Geschichte der Medizin. I. oo](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21352471_0001_0351.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


