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Credit: Geschichte der Medizin / Max Neuburger. Source: Wellcome Collection.
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![selbst eine solche Vorbildung in besonderem Maße dank dem Unterrichte seines Vaters Analog dem geometrischen Verfahren wollte er eine allgemeine wissenschaft- liche Methode begründen, welche ihre Prinzipien aus der sinnlichen Wahrnehmung und aus der unmittelbaren Gewißheit des Verstandes entnimmt und daraus ihre Schlüsse zieht. Grundlagen sind also uelpa lund Xo-fog, von ihnen sagt er, daß sie 8uo äTcdov]? supsoecu? opfava seien. iScheinbar stimmt dies mit der hippokratischen Vorschrift zusammen; der wichtige Unterschied liegt aber darin, daß der koische Arzt nur den auf breiter Erfahrungs- basis (induktiv) erworbenen Verstandesschluß zuläßt, jedoch die nicht von Sinnes- wahrnehmungen, sondern mxr von einer plausibeln Vorstellung ausgehende Ueberlegung verwirft (vergl. S. 194). Galen hingegen kennt neben der Sinneserfahrung auch eine unmittelbare Gewißheit des Verstandes, wozu Axiome des common sense und Ueberzeugungen gehören, welche sich der wissenschaftliche Forscher gebildet hat. Freilich bilden Versuche und Erprobungen ein Kriterium, dennoch aber wird dem Xöyo? und damit der deduktiven Methode eine überragende Stellung eingeräumt, wie sie dem echten Hippokratismus widersprach. Galen verkennt völlig den ge- * waltigen Unterschied, der zwischen den mathematischen und den iempirischen Wissenschaften besteht, er hypostasiert auch in den letzteren Axiome a priori, und daraus erklären sich alle die gewaltigen Fehlschlüsse, zu denen er mit seiner „geometrischen Methode in der Medizin gelangen mußte. Auf manchen umschriebenen Gebieten allerdings, wo die Anatomie genügende Basis lieferte oder physikalische Gesetze den Ausgangspunkt bildeten, konnte er mit der Deduktion Erfolge haben. Die wissenschaftliche Methode der Medizin hat nach Galen ihren Ausgangs- punktvon den sinnlich wahrnehmbaren Phänomen, den Symptomen, zu nehmen (Autopsie). Jedoch handelt es sich darum, nicht wahllos die Symptome zu beobachten, sondern bloß jene, die auf die Krankheitsursache, den Krank- heitssitz und den allgemeinen Kräftezustand hindeuten; aus der Kenntnis der Krankheitsursache ergibt sich das Heilverfahren; aus der Kenntnis des Krankheitssitzes die Art der Applikation; aus der Berücksichtigung des allgemeinen Kräftezustandes der Grad der anzuwendenden Mittel. Weiterhin hat man auch die to-copta, d. h. die früheren und fremden Erfahrungen heranzuziehen und zu therapeutischen Analogieschlüssen zu verwerten, jedoch ist auch hier das Wesentliche vom Un- wesentlichen zu sondern, da nur bei gleichen Hauptsymptomen das gleiche Heil- verfahren einzuschlagen ist. Man sieht deutlich, daß Galen den „Dreifuß der Empiriker für den dogmatischen Standpunkt ummodelt (vergl. das Kapitel Die Schule der Empiriker). Die wissenschaftliche Methode legt femer auch auf die In- dikationen besonderes Gewicht, aber nicht in dem Sinne wie die Methodiker, welche ihre Heilanzeigen bloß dem Grade des strictum oder laxum entnahmen. Der Mannigfaltigkeit der Krankheiten entspricht eine ebensolche Mannig- faltigkeit derMittel; die Anwendung hat nach dem Grundsatz Con- traria contrariis zu geschehen. Im Prinzip bildet diese streng logische Methode gewiß das Ideal der Medizin aller Zeiten, ein Ideal, dem sie sich nur sehr langsam nähert, Galen und alle späteren Systemschöpfer bis an die Schwelle der Gegenwart verkannten, daß eine rein kausale Therapie entsprechend demStand der Hilfswissenschaften nur auf einem sehr umschriebenen Felde durchzuführen ist, und daß sich die Medizin, solange die exakte Wissenschaft nicht zureicht, einstweilen mit einem provisorischen, kritischen Empirismus begnügen muß, wie ihn Hippokrates empfahl.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21352471_0001_0384.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


