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Credit: Geschichte der Medizin / Max Neuburger. Source: Wellcome Collection.
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![Galen nahm wohl die Prinzipien der Dogmatiker an, aher er wahrte seine Selbständigkeit als Kritiker und Forscher, indem er einerseits der rationalistischen Medizin eine unvergleichlich breitere Grundlage durch Ausbau der Hilfswissenschaften gab, anderseits auch die Errungenschaften und Ideen der übrigen Schulen nicht außer acht ließ. In seinem Sy- steme können daher Elemente verschiedenster Herkunft nachgewiesen werden. Wie es öfters im Laufe der Gescliichte unserer Wissenschaft ge- schah, knüpfte der Reformator von Pergamos an Hippokrates an, oder richtiger gesagt an das Corpus Hippocraticum. Diese Schriftensamm- lung machte er zum Gegenstand geistvoller Kommentare, wobei er auf das Theoretische unverhältnismäßig das Schwergewicht legte. Wie- wohl er dem Hippokrates die größte Verehrung zollte und die Gegner desselben geradezu für unwissende Menschen oder für spitzfindige Dia- lektiker ohne gesunden Menschenverstand erklärte, wiewohl er dem großen Arzte von Kos in der Praxis, namentlich in der Prognostik nachzueifern bemüht war, so zeigt doch gerade die Art, wie Galen den Hippokratismus auffaßte, so recht, daß die naive naturwahre Beobachtung inzwischen einer gekünstelten, pedantisch subtilen Gelehrsamkeit das Feld geräumt hatte, und daß man in der überfeinerten Epoche der Cäsaren längst nicht mehr so zu schauen und zu sehen im stände war, wie im Zeitalter des Perikles. Das Wissen und das Können war beträchtlich gewachsen, aber die Weisheit, das unabhängige, von jedem äußeren Zwange freie Denken hatte bereits beträchtliche Einbuße erlitten. Das galenische System gründet sich auf naturphilosophische Spekulationen, anatomische Untersuchungen, physiologische Experimente und klinische Beobachtungen, wobei jedoch zu be- achten ist, daß diese Methoden nur in sehr ungleichem Ausmaße zur Geltung gelangen. Im schärfsten Gegensatz zum Atomismus räumt Galen sowohl den Kräften als den Grundstoffen und Qualitäten die gleiche Bedeutung ein •, die axiomatische Voraussetzung seiner Lebenstheorie bildet die Zweckmäßigkeit aller Naturvorgänge, deren Nachweis im einzelnen eine Hauptaufgabe der Forschung ausmacht. Träger des Lebens und der vitalen Kräfte, welche den Stoff be- herrschen, ist das Pneuma. Entsprechend den drei Grundformen des Lebens, dem psychischen, animalischen und vegetativen, bezw. den drei Grundkräften Bnva^iq (I;o)(tXYj, S. ^odtixt] und d. rpooixT] entfaltet sich das Pneuma in dreifacher Weise, nämlich als psychisches, animalisches und natürliches. Das Tcvsöji^a «jjoxtxöv sitzt im Gehirn und verbreitet sich auf dem Wege des Nervensystems; das 7cvs5{jLa Cwtixöv wird vom Herzen und den Arterien vermittelt, es manifestiert sich im Pulse, wes-](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21352471_0001_0385.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


