Licence: Attribution-NonCommercial 4.0 International (CC BY-NC 4.0)
Credit: Geschichte der Medizin / Max Neuburger. Source: Wellcome Collection.
Provider: This material has been provided by London School of Hygiene & Tropical Medicine Library & Archives Service. The original may be consulted at London School of Hygiene & Tropical Medicine Library & Archives Service.
387/436 page 373
![und Blutgefäße, zu den letzteren die Organe. Jedes Körpergebilde hat sein Temperament; die roten, warmen, mehr weichen und feuchten Teile entstammen dem Blute, die weißen, kalten, soliden und trockenen da- gegen dem Samen. Hinsichtlich der Frage, ob die vom Pneuma getragenen, an die Grundstoffe gebundenen, vitalen Kräfte etwas Primäres sind oder bloß das Resultat der Mischung darstellen, schwankt Galen. Ebenso hält er auch das Problem der Seele unlösbar, doch ist er wegen der großen Abhängigkeit des Psychischen von physischen Verhält- nissen eher zur Annahme geneigt, daß die seelischen Funktionen das Produkt der elementaren Mischung ausmachen. Hiermit hängt auch die Dreiteilung der Seele zusammen. Das Vermögen, zu schließen ('i'ux'] Xo-ciotiv.-/]), sitzt im Gehirn, das Ge- mütsleben (<li. d'üii.os'ih-qi;) im Herzen, das Begehrungsvermögen {<!). eKi^oii.-tYztv.-q) in der Leber. Die Anwendung dieser allgemeinen Ideen auf die Theorie des ge- sunden und kranken Lebens erheischte als Ergänzung direkte Unter- suchungen über den Bau und die Funktionen des menschlichen Körpers. Galen, der Schüler der Alexandriner, der Nachfolger trefflicher Meister der Zergliederungskunst, namentlich des Marinos, hat sich zeit- lebens mit der Anatomie beschäftigt, die schon vor ihm bekannten Tat- sachen zusammengefaßt, manches verbessert und nicht wenig Neues ge- funden. Seine Anatomie blieb maßgebend für viele Jahrhundert, leider war sie aber vielfach unrichtig und zwar, abgesehen von der technischen Unvollkommenheit und Ungenauigkeit, aus zwei Gründen. Erstens stützte sie sich lediglich auf die Zergliederung von Tieren, deren Ergebnisse Galen kurzweg auf den Menschen übertrug, zweitens wurde sie nicht unbefangen betrieben 5 sie bildete nicht den Ausgangspunkt für die Phy- siologie, sondern mußte sich mehr oder minder gewaltsam der physio- logischen Spekulation fügen. Darum finden sich in der galenischen Anatomie neben vortrefflichen Beschreibungen z. B. der Knochen und ihrer Verbindungen, der Bänder, zahlreicher Muskeln (auch Kaumuskeln, Muskeln der Wirbelsäule, Platysma myoides, Interossei, M, popliteus, Ursprung der Achillessehne etc.), des Herzens und der Gefäße, des Nervensystems (Teile des Gehirns, Gehirnnerven, Verlauf des Facialis, Verbindung desselben mit dem Trigeminus, Vagus, Eami recurrentes — sehr viele Fehler, z. B. Os incisivum, Rete mirabile, Poren in der Herz- scheidewand, vier Leberlappen, doppelter Gallengang, Zweihörnigkeit des Uterus etc. Zur Untersuchung menschlicher Körper fand sich für die Forscher nur höclist selten Gelegenheit. Galen selbst war nur zweimal durch Zufall in den Besitz mensch- licher Skelette gelangt, einmal handelte es sich um einen Leichnam, der durch einen Fluß aus seinem Grabe herausgeschweramt worden war, das andere Mal um die Leiche eines erschlagenen Räubers. Die Erlaubnis, getötete feindliche Krieger sezieren zu dürfen, kam der Wissenschaft kaum zu gute, da die technisch ungenügend vorge-](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21352471_0001_0387.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


