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Credit: Geschichte der Medizin / Max Neuburger. Source: Wellcome Collection.
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![bildeten Aerzte, welche das römische Heer begleiteten, aus den Sektionen keinen Gewinn zu ziehen vermochten. Galen sezierte vorzugsweise solche AfiFenarten, die dem Menschen ähnlich sind, sodann Bären, Schweine, Einhufer, Wiederkäuer, einmal einen Elefanten, außerdem Vögel, Fische und Schlangen. Er benützte den Befund von menschenähnlichen Tieren skrupellos für die menschliche Anatomie; bei der Be- schreibung des menschlichen Darmkanals erlaubte er sich einen Kompromiß zwi- schen dem Verhalten desselben bei Fleisch- und Pflanzenfressern, das Rückenmark ließ er bis an das Ende des Wirbelkanals ziehen u. s. w. Galen empfahl aus- drücklich ein fleißiges, planmäßiges Studium der Anatomie, „die man nicht allein ^ aus Büchern oder durch flüchtiges Anschauen erlernen könne; er erklärte das 1 anatomische Wissen für eine wichtige Grundlage der Medizin und namentlich der Chirurgie, meinte aber, daß nicht das mechanische Präparieren als solches, ' sondern die topographische xmd physiologische Betrachtung die Hauptsache aus- ' mache. Er blieb nie bei den reinen Tatsachen stehen, sondern trug mit Vorliebe Spekulationen, vergleichende Gesichtspunkte, Analogieschlüsse in die Anatomie, wobei er allerdings manchmal treflende Gedanken hatte; dahin gehört z. B. die Behauptung, daß die Netzhaut und der Olfactorius Teile des Gehirns darstellen, daß die männ- lichen und weiblichen Genitalorgane einander entsprechen (auch den Nebenhoden sollte ein fiktives Organ entsprechen). Osteologie. Unterscheidung markhaltiger und markloser Knochen, Kenntnis der Apophysen, Epiphysen, Diaphysen, des Periosts, Zwei Arten von Gelenksverbin- dung: Diarthrose und Synarthrose (mit Unterabteilungen), Knorpel, Bänder. Schädel als Ganzes betrachtet (Beschreibung nach dem Tierskelett). Kenntnis der Bestand- teile und Nähte (Gesichtsteil ungenauer, Annahme eines Zwischenkieferknochens). Trotz mancher Mängel im ganzen gute Schilderung des Knochensystems und der Gelenke. Myologie: Fortschritte gegenüber den Vorgängern, Einführung einiger neuer Benennungen (Platysma myoides [von Galen entdeckt], Deltoideus, Diaphragma, Interkostalmuskeln, Bauchmuskeln); Beschreibung der Muskeln des Kopfes, Halses, Brustkorbs, des Psoas, der Kremasteren', des Sphincter aui, eines Blasenmuskels; flüchtige Schilderung der Rücken- und Gliedermuskeln (doch werden M. interossei, M. popliteus, Insertion der Achillessehne angegeben). Angiologie: Die Ver- zweigimg der Venen (auch das Pfortadersystem) wird eingehend und richtig ge- schildert, oberflächlicher ist dagegen die Beschreibung der Arterien. Das Herz (Ur- sprungsstätte der Arterien) gilt als muskelähnliches, nervenloses Gebilde; Perikard, Klappen, Sehnenfäden und Kranzadern, das Foramen ovale des fötalen Herzens sind Galen bekannt. Hingegen kennt er die Venenklappen nicht und legt auch der Carotis des Menschen ein Rete mirabile bei. Die Venen sollen nur aus einer Haut bestehen (den Arterien werden bereits drei Häute zugeschrieben). Neurologie: Beim Gehirn (das mit der Dura und Pia mater bekleidet ist) sind als Teile zu er- kennen : der Balken, die beiden Vorderkammern, der 3. und 4. Ventrikel mit Aquaed. S. Fomix, Vierhügel, Zirbeldrüse, Proc. cerebelli, Wurmfortsatz, Calam. scriptor., Trichter, Hypophysis und Infundibulum. Die Nerven zerfallen in weiche, harte und in solche von mittlerer Beschaffenheit; die weichen (Empfindungsnerven) ent- springen aus dem Gehirn, die harten (Bewegungsnerven) aus dem Rücken- mark, die übrigen (gemischten) aus dem verlängerten Mark'). Von Gehirnnerveu werden sieben Paare beschrieben: I. der Sehnerv (Chiasma bekannt), II. Augen- ^) Da einzelne Nerven in ihrem Verlauf ihre Konsistenz ändern, so sind manche Gehirnnerven motorisch (weil sie hart werden), manche Rückenmarksnerven sensibel (weil sie gegen die Peripherie zu weich werden).](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21352471_0001_0388.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


