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Credit: Geschichte der Medizin / Max Neuburger. Source: Wellcome Collection.
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![Kranken betrachte die kritischen Tage und den Lauf des Mondes in den Winkeln einer Figur von 16 Seiten; findest du diese Winkel günstig bestellt, wird's dem Kranken gut gehen, schlecht dagegen, wenn schlimmere Zeichen herrschen. Der koischen Schule nacheifernd, pflegte Galen die Prognostik in besonderem Maße, und nicht den geringsten Teil seines Rufes als Praktiker dankte er richtigen Vorhersagungen; die Kranken- geschichten, die er mitteilt, bezwecken vornehmlich sein überragendes Können auf diesem Gebiete ins volle Licht zu setzen. Dabei stellte er die prognostischen Aussprüche des Corpus Hippocraticum als unfehlbar hin und suchte — entgegen dem Geiste des großen Koers, der auch seine Irrtümer einbekennt — alle Widersprüche spitzfindig zu beschönigen. Seine anatomischen Kenntnisse und seine aufs Exakte hinzielende Denk- richtung drängten ihn aber dazu, die Prognostik, wo es möglich schien, wissenschaftlich zu begründen, d.h. auf die Diagnostik zu stützen. Die galenische Semiotik verwertet die meisten • Beobachtungs- und Untersuchungsmethoden, die das Altertum ausgebildet hat; besonderer Nachdruck wird aber namentlich auf die Pulsuntersuchung und die Harnschau gelegt; letztere ist bereits sehr subtil ausgestaltet. Von der Auskultation findet sich nur die Erwähnung des zischenden Geräusches bei einer penetrierenden Brustwunde. — Auf die Sekretionen (z. B. Sputum) und Exkretionen wird sorgfältig geachtet. — Die Sphygmologie Galens folgt den Bahnen des Herophilos und der Pneumatiker (vergl. S. 335). Es werden Unterarten nach den Kategorien der Dimension, Schnelligkeit, Stärke, Härte, Häufig- keit, Püllun g der Art e ri e, Gleichm äß igkeit, Ordnung, des Rhyth- mus unterschieden. Galen beschreibt unter anderem den Pulsus longus, brevis, latus, angustus, altus, humilis, gracilis, turgidus, tenuis, crassus, celer, tardus, rarus, fre- quens, vehemens, languidus, durus, mollis, plenus, vacuus, aequalis, inaequalis, ordi- natus, inordinatus, dicrotus, decurtatus, undosus, vermiculans, formicans, vibratus, convulsivus, caprizans etc. Die Basis der galenischen Pathologie und Diagnostik bildet der Satz, daß es keine Funktionsstörung ohne orga- nischeLäsion gebe: p,7]Se7C0Ts ßXocTCTso^at [jL7]ös(j,iav IvspYeiav avso Toö TcsTcova-evat tö Tcotoöv aat-^jv [idptov (vergl. hiezu Erasi- stratos). Im speziellen Falle war ausfindig zu machen, welcher Körper- teil primär oder auf dem Wege der Sympathie die Funktionsstörung erzeugt, und welche Säfteanomalie zu Grunde liegt. Anschließend sei die Theorie der Entzündung und des Fiebers kurz angedeutet, weil sie am raschesten Einblick in die galenische Pathologie gewährt. Die Ent- zündung gehört in die Klasse der krankhaften Anschwellungen {ofv.oi «apa (puaiv = tumores praeter naturam) und charakterisiert sich durch örtliche Wärmesteigerung. Abgesehen von „trockenen Formen erfolgt hierbei ein vermehrtes Eindringen (Error loci) von Pneuma oder der vier Humores if>Bö\i.a.), wodurch die pneumatöse, phleg- monöse (Blut), ödematöse (Schleim), erysipelatöse (gelbe Galle) oder skirrhöse (schwarze Galle) Entzündung entsteht. Stockung der Säfte bedingt die vier Kar- Neuburger, Geschichte der Medizin. I. 25](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21352471_0001_0399.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


