Die Lehre von der Tonempfndungen als physiologische grundlage fur die Theorie der Musik.
- Hermann von Helmholtz
- Date:
- 1877
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Credit: Die Lehre von der Tonempfndungen als physiologische grundlage fur die Theorie der Musik. Source: Wellcome Collection.
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![lichen Empfindungen des Auges, aber doch in nicht vie] anderer Absicht, als die; Diohtkunst sich an das Ohr wendet. Haupteacb.- lich wollcii sie in uns nur die Vorstellung eincs ausseren Objects von bestiinnitcr Form und Farbe hervorbringen. Wir sollon uns wesontlicb nur fur den dargestellten Gegenstand interessiren und an seiner Schonheit uns erfreuen, nicht an den Mitteln der Dar- stellung. Wenigstens ist die Freude des Kunstkcnners an dem Virtuosenthum der Technik einer Statue oder eines Gemaldes niclit wesentlicher Bestandtheil des Kunstgenusst s. Nur in der Malerei findet sich die Farbe als ein Element, Avelcbes unmittelbar von der sinnlichen Emptindung aufgenommen wird, obne dass sich Acte des Verstiindnisses einzuschieben brau- chen. In der Musik dagegen sind es wirklieb geradezu die Ton- cmpfindungen, welche das Material der Kunst bilden; wirbilden aus diesen Empfindungen, wenigstens so weit sie in der Musik zur Gel- tung kommen, nicht die Vorstellungen iiusserlicher Gegenstandc und Vorgiinge. Oder wenn uns auch bei den Tonen eines Concerts einfallt, dass dieser von einer Violine, jener von einer Clarinette gebildet sei, so beruht doch das kiinstlerische Wohlgefallen nicht auf der Vorstellung der Violine und Clarinette, sondern nur auf der Emptindung ihrer Tone, wahrend umgekehrt das kiinstk-rische Wohlgefallen an einer Marmorstatue nicht auf der Empfindung des weissen Lichts beruht, welches sie in das Auge sendet, sondern auf der Vorstellung des schon geformten menschlichen Korpers, den sie darstellt. In diesem Sinne ist es klar, dass die Musik ehie unmittel- barere Verbindung mit der sinnlichen Empfindung hat, als irgend eine der anderen Kiinste; und daraus folgt denn, dass die Lehre von den GehOrempfindungen berufen sein wird in der niusikabschen Aesthetik eine viel wesentlichere Rolle zu spielen, als etwa die Lehre von der Beieuchtung oder der Perspective in der Malerei. Diese letztcren sind allerdings dem Kiiustler niitzlich um eine mog- lichst vollendete Naturwahrheit zu erreichen, haben aber mit der kunstlerischen Wirkung des Werkos nichts zu thun. In der Musik dagegen wird gar keine KTaturwahrbeit erstrebt, die Tone und Ton- empfindungen sind ganz allein ihrer selbst wegen da und wirken ganz unabhangig von ihrer Beziehung zu irgend einem ausseren Gegenstande. Diese Lehre von den Gehorempfindungen fallt nun in das Ge- biet der Naturwissensohaften, und zwar /.unfichst der physio- logischen Akustik. Bisher ist von der Lehre vom Schall](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21271896_0029.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)