Entwurf zu einer physiologischen Erklärung der psychischen Erscheinungen / von Sigmund Exner.
- Sigmund Exner
- Date:
- 1894
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Credit: Entwurf zu einer physiologischen Erklärung der psychischen Erscheinungen / von Sigmund Exner. Source: Wellcome Collection.
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![Beim Sprechen sind viele Muskeln, durch viele Nerven versorgt, in Action. Ich erinnere nur an die Zungenmuskeln und deren Nerv, den Hypoglossus, die Lippenmuskeln und den Nervus facialis, die Kaumuskeln mit dem Nervus trigeminus, die Kehlkopfmuskeln mit dem Nervus laryngeus superior und inferior, das Zwerchfell mit dem Nervus phrenicus; es sind aber das nur die wichtigsten jener Muskeln und Nerven, die beim Aussprechen auch nur eines Lautes in Action treten. Man kann nun ganz wohl beim Kinde beobachten, dass die richtigen Innervationscombinationen tastend gesucht werden, dass es- immer besser und besser gelingt, dieselben aufzufinden, und dass einzelne Combinationen (sowie auch einzelne Successiouen) um Jahre später gefunden werden als andere. Als Controle bei diesem Tasten nach dem Richtigen dient in natürlicher Weise das Ohr, denn ein Kind unterscheidet mit dem Ohre schon lange einzelne Laute und Worte, die es noch nicht aussprechen, oder doch nicht correct aus- sprechen kann. Beim Taubgeborenen fällt die Controle durch das Ohr weg, und deshalb lernt er nicht sprechen. Erst w^enn ihm auf künstliche Weise eine andere Controle seiner Bewegungen beigebracht wird, die er in den tactilen Eindrücken seiner Sprechorgane finden kann (beim Taubstummenunterricht), ist er in die Lage gesetzt, die richtigen Innervationscombinationen zu treffen, und wenn sie ihm dann als richtige bezeichnet worden sind, auf Grund seiner senso- rischen Controle wiederzufinden. Nun ist zu bemerken, dass beim Kinde weit mehr als beim Erwachsenen eine zum Zwecke einer bestimmten Bewegung will- kürlich gesetzte Erregung sich auf mancherlei Muskelgruppen aus- breitet. Man kann daran zweifeln, ob die fast immer symmetrischen Bewegungen des jungen Kindes, die in beiden Ellenbogen gebeugten Arme, das Heranziehen beider Oberschenkel an den Bauch etc. will- kürlich sind, aber auch beim älteren Kinde gewahrt man die Schwierigkeit, einzelne Actionen gesondert auszuführen. Man erinnere sich an das Benehmen eines mühsam und aufmerksam schreibenden Kindes, wie da das Gesicht verzogen, die Zunge herausgestreckt, ja die Beine krampfhaft gebeugt werden. (Das schöne Bild von Knaus, ein auf dem Boden liegendes Kind darstellend, das auf einer Rechen- tafel schreibt, kann als Beleg dafür dienen, wie charakteristisch der- artige Bewegungen sind.) Uebrigens fehlt der erörterte Umstand beim Erwachsenen durchaus niciit. Ich habe an anderem Orte*j davon *) Localisation (]<t Fuiictionon in der Grosshirnrinde des Menschen. Wien 1881, pag. 85. 10*](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21051318_0159.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)