Volume 1
Lehrbuch der allgemeinen pathologie und der pathologischen Anatomie : für Ärzte und Studirende / von Ernst Ziegler.
- Ernst Ziegler
- Date:
- 1901-1902
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Credit: Lehrbuch der allgemeinen pathologie und der pathologischen Anatomie : für Ärzte und Studirende / von Ernst Ziegler. Source: Wellcome Collection.
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![§ 24. Die Autoiiitoxcationcn oder Selbstvergiltungen können auf verschiedene Arten zu Stande kommen. Erstens können normale und iu normalen Mengen producirte giftige Produkte des Stoff- wechsels an der Ausscheidung verhindert und dadurch in die Säftemassen des Kör])ers übergeführt, resp. in denselben zurück- gehalten werden. Zweitens kann die phy.siologische Production giftiger Substanzen pathologisch gesteigert werden. Drittens kann es Vorkommen, dass giftige Producte des Stoff- wechsels, welche normaler Weise sofort weiter zerlegt und dadurch unschädlich gemacht werden, in Folge localer oder allgemeiner Stoff- wechselstörungen nicht zerstört werden. Endlich kommt es auch vor, dass zufolge von Abänderungen oder Aufhebung be- stimmter Organfunctionen giftige Substanzen im Blute und damit auch im Urin auf treten. Nach dem Orte der Ent- stehung kann man im Darm entstehende enterogciie und in den Geweben sich bildende histogene Grifte unterscheiden. Werden im Darm schädliche Produkte der Eiweisszersetzung: z u r ü ck geha 11en oder bilden sich dieselben in abnorm reichlicher Weise, so können sie sowohl örtliche Veränderungen als auch allgemeine Intoxicationen verursachen, und es kann z. B. der unter dem Einfluss der Darmbakterien aus dem Schwefel der Ei- weisskörper entstehende Schwefelwasserstoff in so reichlicher Menge ins Blut übergehen, dass der Athem nach Schwefelwasserstoff riecht und Schwefelwasserstoff auch im Harn abgeschieden wird. Im Uebrigen sind es wohl namentlich die bei der Eiweisszersetzung durch Darmbakterien entstehenden Toxine, welche bei Aufnahme ins Blut Vergiftungserscheinungeu, Erbrechen, Kopfschmerz. Schwindel, Be- nommenheit, Beschleunigung und Schwächung der Herzthätigkeit etc. verursachen können. Diese Wirkung der Toxine dürfte vornehmlich dann sich einstellen, wenn Magen oder Pankreas wenig oder keine En- zyme produciren, von denen bekannt ist, dass sie entgiftend auf be- stimmte Toxine wirken (vergl. § 29). Vielleicht lässt sich danach auch die bei Magenektasie in seltenen Fällen auftretende Tetanie durch Auto- intoxication ei'klären. Ist die Function der Nieren derart gestört, dass die harn- f äh i g e n S u b s t an z e n nur u n g e n ü ge n d a b ge s ch i e d e n werden, so kann es zufolge der Retention dieser Substanzen zu Vergiftungserschei- nungen kommen, welche durch einen von Convulsioiien unterbrochenen comatösen Zustand und durch Störungen der Athmung charakterisirt sind, und deren Gesammtbild als Urämie bezeichnet wird. Nach v. Lim- BECK wirken die retinirten Substanzen nach Art eines Narcoticums, und es beginnt die Narkose mit Stumpfheit der Eiu])tindung und Schlaf- losigkeit. Nach Fleischer führt die Vergiftung durch Reizung des vasomotorischen Centrums zu einem Gefässkrampf. demzufolge das Ge- hirn hochgradig anämisch wird. Ob ein einzelner Bestandiheil oder ein Gemenge von Substanzen die toxische Wirkung ausüben, ist noch nicht festgestellt. Nach Untersuchungen von Bohne ist es wahrscheinlich, dass Retention der Chloride im Organismus an der Erzeugung dieser Zustände in hervorragendem Maasse betheiligt ist. Als eine Folge von Nierenerkrankung, durch welche Stoffwechsel- producte im Organismus zurückgehalten werden, ist wahrscheinlich auch die mit Krami)ferscheinungen verbundene Eklaui])sie auzusehen. Da manche Substanzen auch durch den Darm abgeschieden werden.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28124388_0001_0104.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


