Volume 1
Lehrbuch der allgemeinen pathologie und der pathologischen Anatomie : für Ärzte und Studirende / von Ernst Ziegler.
- Ernst Ziegler
- Date:
- 1901-1902
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Credit: Lehrbuch der allgemeinen pathologie und der pathologischen Anatomie : für Ärzte und Studirende / von Ernst Ziegler. Source: Wellcome Collection.
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![Tlieil desselben unverändert in den Harn übergelit falinieniäre (Hykos- urie). Die Glykosurie kann ferner auch in Folge von N'erletzungen bestimmter Theile der Medulla oblongata (Pi(inre von Herxaud; oder in Folge von krankhaften Processen im Gehirn (Erweichungen, Epilepsie. Geisteskrankheiten, heftige psychische Affecte, Geschwülste, Parasiten) oder auch in Folge von Vergiftungen (Kohlenoxyd, Curare. Morphin. Strychnin, Amylnitrit, Nitrobenzol) auftreten, wobei die Leber wahr- scheinlich ihr Glykogen i-ascher an das Blut abgiebt als normal, so dass eine Hyperglykämie sich einstellt. Endlich kann die Glykosurie auch dadurch bedingt sein, dass die Nieren die im Blute normal vorhandenen geringen i\Iengen von Gly- kose nicht zurückzuhalten vermögen, eine Erscheinung, die man ex- perimentell durch Verabreichung von Phloridzin (v. Merino) oder von Coffeinsulfosänre (Jacobj) erzielen kann. Diese alimentären, nervösen und toxischen Glykosurieen sind in- dessen von dem eigentlichen Diabetes zu ti-ennen. indem bei demselben die Ursache der Glykosurie nicht in einer Steigerung der Zuckerzufuhr zum Blute oder einer i)athologischen Ausscheidung des im Blute vor- handenen Zuckers, sondern vielmehr in dem Umstande zu suchen i.st. dass der Diabetiker die Kohlehydrate und zwar insbesondere die Dextrose nicht in genügendem Grade zu zersetzen vermag, während die links- drehenden Zuckerarten (Lävulose und Inulin) gewöhnlich noch ganz oder wenigstens in grösseren Mengen als der rechtsdrehende Traubenzucker verbrannt werden können. Meist ist dabei auch noch die Fähigkeit der Bildung von Fett aus Kohlehydraten vermindert, doch kommen auch Fälle vor, in denen diese Fähigkeit intact ist und Zucker in Form von Fett im Körper aufgespeichert wird (diabetogene Fettsucht). Nach Untersuchungen von v. Merino und Minkowski, die von verschiedenen Autoren bestätigt worden sind, ist dieser ^'erlust der Kraft, den in den Organismus eingeführten oder in normaler Weise im Organismus aus Eiweiss entstandenen Zucker zu verbrennen oder als Glykogen oder als Fett anfzuspeichern, auf eine mangelhafte Function des Pankreas zurückzuführen. Es geht dies namentlich daraus hervor, dass nach totaler Exstii’pation des Pankreas bei Hunden ein schwerer, nach einigen Wochen tödtlich endender Diabetes sich entwickelt, welcher wie der Diabetes des Menschen durch Polyurie, Polydipsie, Hyperglykämie, Glykosurie, Verarmung der Gewebe an Glykogen, zuweilen auch durch starken Eiweisszerfall, Abmagerung. Ausscheidung von grossen Mengen von Aceton, Acetessigsäure. ß-0\y- buttersäure und Ammoniak, sowie durch das Auftreten coniatöser Zu- stände charakterisirt ist. Zur Stütze der Annahme bestimmter Be- ziehungen zwischen Störungen der Pankreasfunction und dem Diabetes lässt sich auch anführen, dass in einzelnen Fällen von Diabetes des Mensclien das Pankreas nachweislich verändert, atroi)hisch oder de- generirt ist; es ist indessen zu bemerken, dass die anatomische Unter- suchung oft auch einen krankhaften Zustand des Pankreas nicht er- kennen lässt, so dass wir uns mit der Annahme einer anatomisch nicht nachweis!)aren Fiuictionsstörung des Pankreas begnügen müssen. Eine genaue Erklärung der ursächlichen Beziehungen zwischen Pankreaserkrankung und Diahetes lässt sich zur Zeit nicht gel)en. doch darf man nach den vorliegenden experimentellen Untersuchungen die Hy])Othese aufstollen, dass das Pankreas eine Substanz an die Säftemasse des Körjiers abgiebt, welche denselben zur Zer.störnng der](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28124388_0001_0108.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


