Volume 1
Lehrbuch der allgemeinen pathologie und der pathologischen Anatomie : für Ärzte und Studirende / von Ernst Ziegler.
- Ernst Ziegler
- Date:
- 1901-1902
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Credit: Lehrbuch der allgemeinen pathologie und der pathologischen Anatomie : für Ärzte und Studirende / von Ernst Ziegler. Source: Wellcome Collection.
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![der Rinder), so dass die betreffenden Mikroorganismen im Körper sich nicht zu vermehren vermögen und zwar deshalb, weil sie entweder in den menschlichen Geweben nicht die ihnen nöthigen Lebensbedingungen finden, oder weil die Anwesenheit bestimmter chemisch wirksamer Sub- stanzen ihre Vermehrung hindert oder sie direct tödtet. Sodann stehen ihm aber auch gegen die für ihn ])athogenen Mikroorganismen gewisse Schutzkräfte zur Verfügung, und man kann diese je nach der Wirksam- keit in vier Gruppen eintheilen, von denen die erste das Eindringen der Bakterien in die Gewebe, die zweite die unbeschränkte örtliche Weiterverbreitimg der zur Vermehrung gelangten Bakterien, die dritte den Uebergang derselben in das Blut und die Metastase, die vierte die Intoxication verhindert oder wenigstens abschwächt und auf ein ge- ringes Maass reducirt. Für das Eindringen der pathogenen Bakterien in die Gewebe kommen zunächst jene Eigenschaften der Gewebe in Betracht, welche auch das Eindringen des Staubes verhindern, und es spielen hier die sc;hützende Epithel decke und der Schleim eine sehr wichtige Rolle. Im Respirationsapparat tritt auch die Bewegung der F1 im- mer haare, im Magen die für manche Bakterien giftige Beschaf- fenheit des Magensaftes in Wirksamkeit. Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass viele pathogene Bakterien nicht nur durch die unverletzte äussere Haut, sondern auch durch die unverletzten Schleim- häute ohne eine die Ansiedelung und Vermehrung begünstigende Bei- hülfe nicht in die Gewebe zu dringen vermögen, und dass der Magen- saft nicht selten die Wirksamkeit der Bakterien vernichtet (Pneumonie- kokken, Choleraspirillen) oder die Bakterien sogar tödtet. Auch kann, wie es scheint, der Schleim der Schleimhäute die Bakterien nicht nur einhüllen und ihr Eindringen in die Gewebe er- schweren und die Fortschaffung begünstigen, es kommt vielmehr auch vor, dass der Schleim auf Bakterien degenerirend wirkt, entweder in- dem er Substanzen enthält, die für die Bakterien schädlich sind, oder indem er einen ungünstigen Nährboden für die Bakterien bildet. So verlieren z. B. nach Sanarelli und Dittrich Eiterkokken, Cholera- spirillen und Pneumoniekokken im Schleim der Mundhöhle allmählich ihre Giftigkeit und gehen zu Grunde, während Diphtheriebacillen, wie es scheint, durch Schleim nicht geschädigt werden. In dem Secret der Scheide und des Uterus gehen verschiedene Bakterien ebenfalls bald zu Grunde. Sonach führt also nicht jeder pathogene Spaltspitz, der auf die Haut oder auf eine von aussen zugängliche Schleimhaut oder in die Lunge gerätli, zur Infection. Es ist auch durch Untersuchungen viel- fach nachgewiesen, dass bei gesunden Individuen in den oberen Respirationswegen und in der Mundliöhle nicht selten neben unschäd- lichen Bakterien, d. h. solchen, die im menschlichen Gewebe sich nicht vermehren können, auch solche Vorkommen, welche zweifellos Krank- heiten hervorzurufen im Stande sind, so z. B. Kokken, welche Eiterung, oder solche, welche croupöse Lungenentzündung zu erzeugen vermögen. Es ist danach anzunehmen, dass Bakterien, welche auf Schleimhäute gerathen sind und sich hier vielleicht noch vermehrt haben, oft wieder zu Grunde gehen und weggeschafft werden, ohne eine Infection zu ver- ursachen. Es gilt das namentlich für die genannten Kokken und die Tuberkelbacillen, sodann aber auch für die Choleraspirillen, welche unter der sauren Beschaffenheit des Magensaftes leiden. Endlich ist anzu-](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28124388_0001_0128.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


