Volume 1
Lehrbuch der allgemeinen pathologie und der pathologischen Anatomie : für Ärzte und Studirende / von Ernst Ziegler.
- Ernst Ziegler
- Date:
- 1901-1902
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Credit: Lehrbuch der allgemeinen pathologie und der pathologischen Anatomie : für Ärzte und Studirende / von Ernst Ziegler. Source: Wellcome Collection.
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![Die einzelne Krankheit hat eine sehr verschiedene Dauer, und man kann danach acute, siibaciitc und chronische Kranklieiten, von denen die letzteren über Jahre und Jahrzehnte sich hinziehen können, unterscheiden. Die Krankheit endet mit Grcnesung und Heilung' oder mit dem Tode des erkrankten Individuums. Eine Heilung ist im All- gemeinen dann anzunehmen, wenn alle krankhaften Sym])tome ver- schwinden, doch lehrt die Erfahrung, dass die völlige Wiederherstellung der erkrankten Gewebe oft erheblich später eintritt als das Verschwinden der krankhaften Symptome. Oft bleibt die Heilung auch aus, und es wird die Kranklieit nur latent, d. h. es bleiben grössere Gewebsver- änderungen bestehen, und es erhält sich auch das schädliche Agens im Körper, während krankhafte Symptome nicht mehr nachweisbar sind. So können z. B. die Erscheinungen einer fubei'kulösen Erkrankung vollkommen schwinden, obschon im Körper bacillenhaltige Herde sich erhalten, von denen aus gelegentlich eine weitere Verbreitung und damit auch neue Krankheitserscheinungen ausgehen können. Werden im Verlaufe einer Erkrankung örtlich verloren gegangene Gewebstheile bei der Heilung nicht ersetzt, so bleibt ein Defect; grosse Defecte an äusserlich sichtbaren Theilen, z. B. der Verlust eines Fingers oder eines Beines, werden als Verstümuieluugen bezeichnet. Tritt an Stelle zu Grunde gegangener, höher organisirter Gewebe minderwerthiges Bindegewebe, oder wird ein Defect nach aussen mit solchem abgeschlossen, so bezeichnet man dieses Gewebe als Narbe. Zeigen Gewebe zufolge irgend welcher Störung der normalen intra- uterinen Entwicklung zur Zeit der Geburt eine pathologische Gestaltung, so nennt man das congenitale Missbildung oder Anomalie. Von einer congenitalen Krankheit wird nur dann gesprochen, wenn die be- troffenen Organe functioneile Störungen zeigen. Das grosse Gebiet, welches die allgemeine Patho- logie umfasst, erheischt eine Beschränkung des zu be- handelnden Stoffes und es ergiebt sich dieselbe in zweck- mässigster Weise dadurch, dass ein T h e i 1 der pathologischen Physiologie, die man als klinische Pathologie zusammen- fassen kann, dem Studium am Krankenbett, sowie besonderen Kursen und Vorlesungen resp. besonderen Lehrbüchern zugewiesen wird. Die Functionsstörungen, welche die einzelnen Organe und A])parate, das Herz, das Nervensystem, die Sinnesorgane, die Respirationsorgane, der Harnai)parat, der Verdauungsapparat etc. zeigen, können hier nicht berücksichtigt werden. Einer e i n g e h e n d e n B e t r a c h t u n g k' ö n n e n h i e r n u r jene krankhaften Erscheinungen unterzogen werden, welche sich an den E 1 em en tar bestan dthei 1 en , an. d en zu Geweben vereinigten Zellen und den I]iter ce 11 u 1 a]• s ubs tanzen voll- ziehen. und diese lassen sich nur durch ein genaues Stil diu m der dabei auftret enden anatomischen und histo- logischen e r ä n (1 e r u n g e n b e u r t h e i 1 e n und richtig wür- digen. Es wird dadurch die allgemeine iiathologisclie Anatomie zur unentbehrlichen (xrundlage der aligemeinen Patliologic, doch führt dieselbe nur dann zu einem vollen Verständniss der krankhaften Lebensvorgänge, wenn zugleich auch die Ursachen und die Ent- stehung der pathologischen (jcwebsvcränderungcn in genügender Weise klargestellt werden.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28124388_0001_0021.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


