Volume 1
Lehrbuch der allgemeinen pathologie und der pathologischen Anatomie : für Ärzte und Studirende / von Ernst Ziegler.
- Ernst Ziegler
- Date:
- 1901-1902
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Credit: Lehrbuch der allgemeinen pathologie und der pathologischen Anatomie : für Ärzte und Studirende / von Ernst Ziegler. Source: Wellcome Collection.
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![Für die erstere Annahme liegen die' Beweise darin, dass Gewebsver- letzungen, bei Anwesenheit dieser Bakterien eintretend, eine Infection herbeiführen. Es setzt hier also eine beliebig entstandene Wunde eine örtliche Disposition und es trägt danach auch die Erkrankung den Charakter einer Wiindiiifectioii. Infectionen mit Eiterkokken, Tuberkelbacillen, Tetanusbacillen, Rotz- und Milzbraud- bacillen tragen häufig diesen Charakter. Was sonst noch die Disposition zu Infectionen steigern kann, ist weniger leicht zu erkennen. Es scheint, dass stärkere Abkühlungen, Erkältungen, in diesem Sinne wirken können, fernerauch Ver- änderungen der Gewebe durch v o i' a u f g e g a n g e n e infec- tiöse oder nicht infectiöse , lokale oder allgemeine Er- krankungen; bei Darminfectionen (Typhus, Cholera) spielen auch Störungen der M a gen - D a r m f u n c ti o n , Herabsetzung des Säiii-e- gehalts der Magenconteuta, Ueberfüllung des Darmes, Retention des In- haltes etc. eine wichtige Rolle. Nicht selten ist man indessen nicht in der Lage anzugeben, welche Ilülfsmomente die Infection in der gegebenen Zeit verursacht haben. Besondere Dispositionen oder besondere Widerstandunfälligkeit des Organisnuis treten auch nicht selten gegenüber anderen Schädlich- keiten als Infectionskeimen hervor; so vertragen einzelne Individuen höhere Aussentemperaturen weit weniger leicht als andere, insbesondere wenn zugleich körperliche Arbeit zu verrichten ist. An Hitzschlag erkrankt von den auf einem Marsche befindlichen Soldaten stets nur ein Bruchtheil, obschon alle sich unter den gleichen Verhältnissen befinden. Die Höhenlage, bei welcher bei Bergbesteigungen und Ballon- fahrten die einzelnen Menschen den Sauerstofi'mangel empfinden, ist sein- verschieden. Die Nachwirkungen der Chloroformnarkose sind bei den einzelnen Individuen sehr ungleich. Bei Körperthätigkeit oder bei geistiger Arbeit tritt bei Manchen Ermüdung ein zu einer Zeit, in der Andere eine solche Ermüdung nicht verspüren, und es können alltäg- lich vorkommende Einwirkungen auf das Gehirn bei besonderer Dis- position krankhafte Zustände verursachen. Zuweilen zeigen einzelne Individuen gegenüber bestimmten Ein- wirkungen eine Empfindlichkeit, die vollständig von dem abweicht, was man sonst beobachtet, so dass sich krankhafte Erscheinungen zeigen nach Einflüssen, die den gewöhnlichen Menschen ganz unberührt lassen. Eine solche, als Idiosynkrasie bezeichnete Empfindlichkeit kommt namentlich gegenüber gewissen chemischen Substanzen vor, so dass als ungiftig angesehene Nahrungs- und Genussmittel auf diese Individuen als Gift wirken. So verursacht der Genuss von frischem Obst oder von Zucker oder auch von Salat bei einzelnen Individuen Ekel und Erbrechen. Andere haben einen Widerwillen gegen den Genuss von Gerichten aus Leber oder Nieren und bekommen Beschwerden, falls sie ihren Widerwillen überwinden und von diesen Speisen geniessen. Noch Andere bekommen nach dem Genuss von Flusskrebsen oder von Hum- mern oder von Erdbeeren und Himbeeren, von Morcheln oder von S])argel eigenthümliche krankhafte Erscheinungen, namentlich als Ur- ticaria bezeichnete, durch juckende Quaddelbildung gekennzeichnete Hautausschläge oder Bauchgrimmen und Erbrechen. Nicht wenige IMenschen können auch gekoclite Milch nicht geniessen, ohne danach Beschwerden zu bekommen. Alkohol kann bei einzelnen Menschen](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28124388_0001_0071.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


