Volume 1
Lehrbuch der allgemeinen pathologie und der pathologischen Anatomie : für Ärzte und Studirende / von Ernst Ziegler.
- Ernst Ziegler
- Date:
- 1901-1902
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Credit: Lehrbuch der allgemeinen pathologie und der pathologischen Anatomie : für Ärzte und Studirende / von Ernst Ziegler. Source: Wellcome Collection.
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![und erzeugt hier eine Veränderung beliebiger Art, welche späterhin zu einer pathologischen Ausgestaltung des aus dem befruch- teten Ei sich entwickelnden Individuums führt. Ob dabei die somati- schen Gewebe ebenfalls Veränderungen erleiden und welche V'erände- rungen sie erleiden, ist für die Natur der entstehenden ]»athologischen Variation vollkommen gleichgültig. Ist ein vererbbarer pathologischer Charakter entstanden, so kann er, falls er nicht Lebens- oder Zeugungsunfähigkeit bedingt, auch wirklich vererbt werden, doch ist es durchaus nicht nöthig, dass dies geschieht. Die Wahrscheinlichkeit, dass der besondere Charakter ver- erbt w'ird, ist dann am grössten, wenn beide Eltern denselben besitzen, wenn z. B. beide Eltern an vererbbarer Taubstummheit oder an Kurz- sichtigkeit leiden. Fehlt der betreffende Charakter bei einem der Eltern, so wird sehr häufig eine neue Keimesvariation entstehen, bei welcher die pathologische Eigenschaft nicht zur Entwickelung kommt und in der weiteren Descendenz ganz verschwindet. Werden mehrere Nachkommen gezeugt, so tritt die pathologische Eigenschaft, falls sie nicht ganz verloren geht, meist nur bei einem Theil der Descendenten auf und kann dabei sowohl eine Steigerung als auch eine Abnahme der Ausbildung zeigen. Nicht selten ereignet es sich auch, dass die Eigenschaft in einer Generation latent bleibt, d. h. sich auf die Ge- schlechtszellen beschränkt und erst in der zweiten Generation wieder erscheint. Dass durch die Copulation von zwei Geschlechtskernen mit verschiedenen Ver- erbungstendenzen Variationen entstehen, und dass darunter auch solche sein können, die wir als pathologisch ansehen, scheint mir keinem Zweifel imterworfen zu sein. Schwieriger ist die Frage zu beantworten, ob daneben auch noch erbliche ^Variationen pathologischer Art durch Einwirkimgen entstehen, welche die Geschlechtskerne oder den Furchungskern treffen, und, falls dies anzunehmen ist, in welcher Häufigkeit eine solche Einwirkung vorkorarat. Weismann ist nach den in seinen letzten Arbeiten gegebenen Darstellungen der Meinung, dass die Wurzel der erbUchen Variationen nicht in der Amphimixis, sondern vielmehr in einer directen Einwirkung äusserer Einflüsse auf die Geschlechtskerne gelegen sei. Ausgehend von der Annahme, dass die vom Keim aus veränderlichen ZeUen oder Zellengruppen (von ihm als Vererbungs- stücke oder Determinaten bezeichnet) im Keimplasma durch bestimmte TheU- chen, die sich aus einer Anzahl von Lebensträgern oder Biophoren (Molekül- gruppen, welche die kleinsten Einheiten des Lebens darstellen) zusammensetzen und die er als Determinanten oder Bestimmuugsstücke bezeichnet, vertreten sind, glaubt er die erbliche Variation in letzter Linie darauf zurückführen zu können, dass äussere Einwirkungen diese iin Kernchromatin enthaltenen Determinanten oder De- termiuantengruppcn ändern, so dass danach auch die von ihnen abhängigen Ver- erbungsstücke oder Determinaten eine Aenderung erfaliren. Er ist der Meinung, dass ein solcher Einfluss schon durch eine stärkere Ernährung einer Determinante, welche ein rascheres Wachsthum bewirke, zu Stande kommen könnte. So hält er es z. B. für möglich, dass manche angeborenen Missbildungen, z. B. die V'crmelirung der Zahl der Finger und Zehen, auf eine durch gesteigerte Ernährung herbeigeführte Verdoppelung der Determinanteugrupjjen zurüc.kzuführcu sind. I>er Amphimixis kommt nach Weismann sonach für die Entstehung einer bleibenden Variation nur eine secundäre Bedeutung zu, darin bestehend, dass sic die durch die Veränderung der Determinanten bedingten Variationen in immer neuer Weise mischt, ohne selbst neue Variationen zu schaffen. ,,Die Abweichungen, welche die Determinanten durch ungleiche Ernährungseinflüsse erleiden, bilden das iMatcrial, aus welchem durch Ainphi- mixis in Verbindung mit Sclcction die sichtbaren individuellen Variationen hervor- gehen, durch deren Steigerung und Gombinirung dann neue Arten entstehen.“ Ich stimme mit Weismann soweit überein, dass ich annchme, dass das Auftreten neuer Variationen jjathologischer Art zu einem Theil auf Veränderungen der in den](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28124388_0001_0086.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


