Volume 1
J. von Mering's Lehrbuch der inneren Medizin / bearbeitet von G. v. Bergmann [and others] ; herausgeben von L. Krehl.
- Joseph von Mering
- Date:
- 1922
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Credit: J. von Mering's Lehrbuch der inneren Medizin / bearbeitet von G. v. Bergmann [and others] ; herausgeben von L. Krehl. Source: Wellcome Collection.
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![werden kann. Die Erreger der ansteckenden Katarrhe (Streptokokken, Pneumokokken u. a.) finden sich auch bei Influenza. Trotz dieser bei ganz leichten und typischen Fällen nicht immer überwindbaren Schwie¬ rigkeiten glauben wir entsprechend dem Verhalten bei anderen Infek¬ tionskrankheiten auch die Diagnose der Grippe oder Influenza auf das ätiologisch zusammengehörige Symptomenbild beschränken zu sollen. Die bei weitem häufigeren ähnlichen Erkrankungen bezeichnen wir lieber als ansteckende oder infektiöse Katarrhe. Bei Benommenheit und Delirien kommt namentlich die Unterschei¬ dung vom Unterleibstyphus in Betracht. Die Rötung der Haut, die feuchte, mäßig belegte Zunge, der Bachenbefund, vor allem Schnupfen und Conjunctivitis, sprechen für Grippe, während der Fieberverlauf beider Krankheiten mit dem relativ langsamen Puls sich ähneln kann und Milztumor, vereinzelt sogar Roseolen bei beiden Vorkommen. Die bei beiden vorhandene Leukopenie unterscheidet sich durch die Zu¬ sammensetzung der weißen Blutkörperchen. Die meist positive Diazo- reaktion, das gewöhnliche Fehlen der Urobilinurie trennen den Typhus weiter von der Grippe. Die Unterscheidung der cerebralen Erschei¬ nungen von epidemischer Cerebrospinalmeningitis wird nachher zu be¬ sprechen sein. An die Möglichkeit initialer, ganz psychotischer Delirien infolge einer Encephalitis ist zu denken. Die Trennung der Grippe-Ence¬ phalitis von der in Epidemiezeiten gehäuften selbständigen Encephalitis ist nur nach sonstigen Grippesymptomen oder nach der Vorgeschichte möglich. Die Unterscheidung von Polioencphalitis und Poliomyelitis acuta, der HEiNE-MEDmschen Krankheit, gründet sich auf das meist bald verschiedene Zustandsbild und das gastrointestinale Vorstadium der letzten Erkrankung. Mit der Schlafkrankheit (s. dort) besteht keine Ähnlichkeit. Bei den Ohrerkrankungen sprechen Trommelfell¬ blutungen für Grippe. Prognose. Die Voraussage kann in der Mehrzahl der Fälle günstig sein. Immerhin wird man auch bei den ganz leicht beginnenden Fällen an die Möglichkeit später eintretender ernster Komplikationen, an die eventuell lange sich hinziehende Rekonvaleszenz zu denken haben. Be¬ sonders vorsichtig sei man bei älteren oder schwächlichen Leuten. Stärkere Lungen- und Pleuraerkrankungen und schwerere anatomische Gehirnerscheinungen sind stets ernst zu beurteilen. Therapie. Die Ernährung ist die eines Fieberkranken. Sie muß namentlich bei älteren und schwächlichen Leuten von Anfang an aus¬ reichende Kalorien (s. S. 38) zuführen. Ein spezifisches Heil¬ mittel der Grippe existiert noch nicht. Die als solches gerühmten Mittel (Chinin 0,2—0,5 2—3mal täglich, Antipyrin 0,5 4—8mal täglich, Aspirin ebenso usw.) lindern nur vortrefflich die subjektiven Be¬ schwerden. Zu der Anwendung der experimentell so wirksamen Chininderivate, des Optochinum basicum (bei Milch-Eier-Diät [Alwens] unter sorgfältiger Kontrolle 5mal täglich bis zur Entfieberung, längstens 3—4 Tage 0,2) oder des Eukupins kann ich bei der nie sicher auszu- schließenden Schädigung des Sehvermögens nicht raten, ebensowenig zu dem intravenös versuchten Salvarsan oder seinen leicht löslichen Verbin¬ dungen. Von den Pneumokokken- und Streptokokkenseren des Handels sah ich keinen Nutzen, auch nicht von Kollargol, Elektrargol oder Dispargen. Über das Grippeserum der Sächsischen Serumwerke (an zwei aufeinanderfolgenden Tagen je 50 ccm) habe ich kein Urteil, ebenso¬ wenig über die vom Berner Serum- und Impfinstitut aus PFEiFFERSchen Influenzabazillen, Pneumo-, Strepto- und Staphylokokken h'ergestellte Vaccine (Pethik) oder über ändere Grippe-Misch-Vaccinen.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b31359991_0001_0067.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


