Volume 1
J. von Mering's Lehrbuch der inneren Medizin / bearbeitet von G. v. Bergmann [and others] ; herausgeben von L. Krehl.
- Joseph von Mering
- Date:
- 1922
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Credit: J. von Mering's Lehrbuch der inneren Medizin / bearbeitet von G. v. Bergmann [and others] ; herausgeben von L. Krehl. Source: Wellcome Collection.
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![änderungen können zwar auf mannigfache Weise zur allgemeinen Sepsis führen. Aber die Möglichkeit dieses Überganges berechtigt nicht dazu, die ätiologisch ein¬ heitlichen, klinisch aber gänzlich verschiedenen Affektionen als Krankheiten sui generis zusammenzufassen und z. B. von einer Streptokokken- oder Staphylo¬ kokkenkrankheit zu sprechen. Noch in einer anderen Richtung ergibt sich eine Schwierigkeit. Bei den verschiedensten örtlichen Erkränkungen dringen gelegent¬ lich krankmachende Keime in die Blutbahn. So wichtig diese Blutinfektion für den Verlauf der Krankheit sein mag, bleibt sie doch in einem Teile der Fälle immer abhängig vom Ausgangspunkte der Infektion. Ist seine Beseitigung möglich oder heilt er spontan aus, hört auch das Eindringen von Keimen in die Blutbahn? auf. Das kann sogar der Fall sein, wenn das Leiden zur Bildung mehrerer Eiterherde geführt hat, die der Behandlung zugänglich sind. Von diesen lokalen septischen Er¬ krankungen unterscheidet sich die allgemeine Sepsis, wie besonders Schottmüller betont hat, durch die Entwicklung eines oder, wie hinzugefügt werden darf, mehrerer Sepsisherde, die durch ihre Beschaffenheit anhaltend oder periodisch unterbrochen Bakteriämie hervorrufen und so zur Allgemeinerkrankung führen. Zum Teil hängen diese Herde mit dem Ausgangspunkt der Infektion zusammen, wie fortschreitende Phlegmonen, septische Thrombophlebitiden oder Lymphangitiden. Zum Teil liegen sie der Eingangspforte fern, wie die septische Endocarditis. Nur selten bildet die Eintrittsstelle selbst den die allgemeine Sepsis vermittelnden Herd, wie in besonderen Fällen der Uterus, das Nierenbecken oder die Gallenblase. Die Infektion ist so bei der allgemeinen Sepsis meist von ihrem primären Ausgangspunkte unabhängig ge¬ worden. Durch das anhaltende Eindringen der pathogenen Keime erkranken zahl¬ reiche Organe. Ihre Veränderung tritt unter Umständen maßgebend hervor. Da¬ gegen ist das Wesen der allgemeinen Sepsis nicht in einer Vermehrung der krank- machenden Mikroben im Blut zu erblicken. Seine bakteriziden Eigenschaften machen das unmöglich. So trennt man zweckmäßig die allgemeine Sepsis von der bloßen Bakteriämie, die man auch vielfach als Sepsis bezeichnet hat und die mail bei Furunkeln, Panaritien, Erysipel, krupöser Pneumonie usw. gelegentlich findet. Eine völlig scharfe Grenze ist aber natürlich nicht zu ziehen. Die verschiedene Entwicklung hängt von der Stärke der Infektion und von der Widerstandsfähigkeit des Körpers ab. Der Begriff der allgemeinen Sepsis ist also ein rein klinischer. Er schließt die in der vorbakteriologischen Zeit meist nicht feststellbare Folge der örtlichen Infektion, die Bakteriämie, aus. Er umfaßt dagegen die früher als Septikämie und zum Teil auch die als Pyämie bezeichneten Prozesse. Ursprünglich bedeutet Sepsis (von c-?]A.c = Fäulnis) die Vergiftung mit Fäulnissubstanzen und Pyämie (von icöov = Eiter und afpa = Blut) die Aufnahme von Eiter in das Blut, das Auf¬ treten von Eiterherden im Körper. Den Begriff der Fäulnis können wir nach dem jetzigen umfassenderen Sprachgebrauch mit dem Worte Sepsis nicht mehr vereinigen. Das Auftreten von Eiterherden im Körper können wir nicht mehr als das Merkmal einer besonderen Krankheitsgruppe, der Pyämie, ansehen, seitdem wir eine exaktere Einteilung nach den pathogenen Keimen besitzen und wissen, daß die Vereiterung von Krankheitsherden bei allen in Frage kommenden Mikro¬ organismen auftreten kann, daß sie völlig inkonstant ist und sogar bei demselben Kranken an einem Körperteil vorhanden sein, an einem anderen fehlen kann. Ätiologie. Die allgemeine Sepsis wird am häufigsten durch Strepto¬ kokken (nach einer Statistik Lenhartz’ in 75°/0 der Fälle), seltener durch Staphylokokken oder Pneumokokken (nach Lenhartz etwa in je 8—9%), hin und wieder durch Bacterium coli, vereinzelt durch Gono¬ kokken, Meningokokken, den FRAENKELSchen Gasbazillus oder andere Mikroorganismen verursacht. Am häufigsten geht die Infektion von den weiblichen Genitalien aus, wenn sie nach einer Geburt oder einem Abort durch unreine Hände oder Instrumente infiziert sind. Nach Schottmüller kann auch ohne solche Kontaktinfektion eine schon die normale Scheide bewohnende Streptokokkenart, der Streptococcus putridus, durch völlig sterile In¬ strumente u. dgl. auf das puerperale Endometrium übertragen werden und allgemeine Sepsis hervorrufen. Daneben kommen in Betracht in¬ fizierte Verletzungen der äußeren Haut oft minimaler Art und der Schleimhäute, z. B. des Mundes bei Zahnextraktionen. In die unver¬ sehrte Haut können Keime nur bei systematischem Einreiben durch die Drüsen eindringen. Als Quelle der Infektion wichtig sind veiter die so häufigen Eiterherde in den Mandeln, Eiterungen in den Zahnalveolen,](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b31359991_0001_0071.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


