Pathologie und Therapie der Nervenkrankheiten : fur Ärzte und Studirende.
- Ludwig Hirt
- Date:
- 1890 [i. e. 1888-90]
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Credit: Pathologie und Therapie der Nervenkrankheiten : fur Ärzte und Studirende. Source: Wellcome Collection.
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![Was zunächst die Bleilähmung als die uns am meisten inter- essirende Affection betrifft, so handelt es sich dabei um eine vorwiegend auf dieExtensorendesVorderarmes beschränkte Affection, bei welcher der M. Supinator longus und der Triceps freizubleiben pflegen; dass das Extensorengebiet überschritten wird und dass der Deltoideus, der Biceps, auch wohl die kleinen Handmuskeln der Lähmung anheim- fallen, kommt wohl vor, doch ist die Extensorenläsion für sich allein als typisch für die Bleivergiftung zu bezeichnen. Vornehmlich die Untersuchungen von Möbttis haben erwiesen, dass bei der Localisation der Lähmung functionelle Yerhältnisse in Betracht kommen, insofern nämlich die bei der Berufsarbeit am meisten angestrengten Muskeln allein, oder doch vorwiegend schwer erkranken; hierher gehört auch die interessante Beobachtung Manmivriez, dass bei Linkshändern der linke Arm der schwerer afficirte ist. Uebrigens sieht man oft genug beide Arme in gleichem Masse ergriffen. — Der Zeitpunkt des Eintretens der Lähmung wechselt sehr; ganz ungewöhnlich ist es. dass sie sich sehr schnell, wenige Tage nach dem Einwirken des Giftes entwickelt, und als ein Unicum muss der von////'^r^ (cf Lit.) erzählte Fall betrachtet werden, wo ein Arbeiter noch an demselben Tage, an welchem er ein Fass mit Bleiweiss gefüllt hatte, an einer Lähmung der Extensoren beider Oberextremitäten erkrankte. Gewöhn- lich dauert es einige Wochen, ehe die Parese sich geltend macht, und oft genug gehen ihr erst ein oder mehrere Anfälle von Bleikolik voraus. Ler Verlauf ist sehr langwierig; dauert die Gifteinwirkung längere Zeit fort, so atrophiren die erkrankten Muskeln relativ schnell und in ausserordentlich hohem Grade; eine Wiederherstellung wird dann unwahrscheinlich. Bei der elektrischen Untersuchung lässt sich meist Entartungsreaction constatiren; mit der Abnahme der Zahl der Muskelfasern nimmt die Erregbarkeit ab, um in schweren Fällen ganz und für immer zu erlöschen. — Der anatomische Sitz der Bleilähmung ist unzweifelhaft in den peripheren Nerven, vielleicht auch in den Muskeln zu suchen, es handelt sich um eine periphere atrophische Lähmung, bei welcher eine Degeneration des Radialis, in geringerem Grade des Medianus und Ulnaris nachzu- weisen ist; am Bückenmark und den vorderen Wurzeln sind in den hierher gehörigen Fällen grobe und aufPallende Veränderungen nicht zw constatiren (^Vürordt). Möglicherweise kann man sich die Lähmung auch durch eine Veränderung der Ganglienzellen des Rückenmarkes erklären, welche in Folge des peripheren Reizes in der Weise ein- tritt, wie sie neuerdings Ssadozvski in seiner Inaugural-Dissertation (Petersburg 1889) beschrieben hat: die summirten Reize, die die peri- ])heren Nerven treffen, sollen eine gesteigerte Activität der betreffen- den Ganglien und damit eine Ernährungsstörung der Nervenzellen hervorrufen, welche zu atrophischer Degeneration führt. Neben der peripheren gibt es aber auch centrale Blei- lähmungen, und zwar a) solche, welche auf Läsion des Rückenmarkes und /^ solche, welche auf Hirnläsion beruhen. Die ersteren, für deren Bedeutung besonders E. Remak eingetreten ist, hängen mit Erkrankung der Ganglienzellen in den Vorderhörnern zusammen, welche nach ihrer anatomischen Gruppirung afficirt werden, so dass Läsionen functionell zusammenhängender Muskelgruppen daraus](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21218675_0557.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)