Pathologie und Therapie der Nervenkrankheiten : fur Ärzte und Studirende.
- Ludwig Hirt
- Date:
- 1890 [i. e. 1888-90]
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Credit: Pathologie und Therapie der Nervenkrankheiten : fur Ärzte und Studirende. Source: Wellcome Collection.
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![ist namentlicli dann zu erhoffen, wenn sie sich in den an fall s- fre.ien Zeiten eines gesunden Schlafes erfreuen; leider fehlt derselbe recht häufig und die Patienten sind gezwungen, zu allerlei künstlichen Mitteln zu greifen, unter denen Brom meist die Hauptrolle zu spielen pflegt. Es ist nicht immer leicht, sich über die Ursachen der Schlaflosigkeit (Agrypnie) bei ]\Iigräne- vmd überhaupt bei Nervenkranken klar zu werden; namentlich da, wo sich ausser diesem Symptome absolut nichts zu finden scheint, wo scheinbar sonst völlig gesunde Individuen wochenlang des Schlafes ganz oder fast ganz entbehren, bietet die Aetiologie Schwierigkeiten. Und doch ist gerade das ätiologische Moment das Wichtigste; nur wenn die Klärung desselben gelingt, kann man auf therapeutische Erfolge hoffen. Manchmal findet sich ein bis dahin übersehener Magencatarrh, eine Leberhyperämie und dergleichen, nach deren Bekämpfung durch Carlsbader Mühlbrunnen sich der trotz Brom und Morphium vergebens herbeigesehnte Schlaf ganz von selbst einstellt; manchmal ist auch hochgradige Anämie die Ursache, wie man aus der Blässe der Haut, dem kleinen Pulse, den kühlen Extremitäten entnehmen kann; in solchen Fällen leisten Leberthran, Eisen, Chinin erspriesslichere Dienste als Hypnotica. die nur selten dauernd vertragen werden. Bei allen an Schlaflosigkeit leidenden Nervenkranken empfiehlt es sich daher, die Patienten genau auf die Beschaffenheit ihrer Brust- und Unterleibs-, einschliesslich der Geschlechtsorgane zu unter- suchen und erst, wenn der Befund dauernd negativ bleibt, zur symp- tomatischen Behandlung überzugehen. Dieselbe bestehe zunächst in der vorsichtig angewendeten und ärztlich überwachten Massage, von der wir wiederholt bemerkenswerthe Erfolge gesehen haben. dann in der systematischen Galvanisation des Gehirns, deren technische Details in ErU's Elektrotherapie, pag. 833 (Leipzig 1882), nachzulesen sind und endlich, wenn es sich durchaus nicht vermeiden lässt. in der Darreichung von beruhigenden, calmirenden und schlaf- erzeugenden Mitteln, unter denen dem Morphium trotz aller neuer Hypnotica immer die erste Stelle gebührt. Daneben ist Chloralhydrat, Paraldehyd, Urethan,Hypnon, Coniin, Lupulin und das neuerdings von V. Mering empfohlene Amylenhydrat (Tertiär-Amyl-Alkohol) zu ver- suchen. Letzteres, zu 3\/2—4 Grm. p. dosi, einmal in 24 Stunden ge- geben, scheint oft günstig zu wirken und verdient probirt zu werden ; wegen seines schlechten Geschmackes empfiehlt sich der Zusatz von Corrigentia, z. B. Pfefferminzöl, welches ihn etwas verdeckt (Amylen- hydrat 7, Aq. Menth, pip. 40, Ol. Menth, pip. l'O, Syr. simpl. 30, Abends die Hälfte zu nehmen\ Der Schlaf ist tief und ruhig, Neben- wirkungen gehören zu den Ausnahmen; dass trotzdem Vorsicht nöthig ist, weil Intoxicationserscheinungen auftreten können, beweist die Mittheilung von Dietz (Deutsche Medicinal-Zeitung, 1888, 18). Die Migräne ist häufig mit Magenaffectionen complicirt, und zwar sind es besonders die Cardialgie (Gastralgie) und eine eigenthümliche Form der nervösen Dyspepsie. welche Rossbach als nervöse Gastroxynsis (ya^TT^p, ocu;) bezeichnet hat, die sie gern begleiten. Der Cardialgie werden wir bei Abhandlung der Vagus- neurosen gedenken und bemerken hier nur. dass sie mit Pulsverlang- samung, Meteorismus, Flatulenz, Erbrechen verbunden ist; diese,](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21218675_0067.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)