Die babylonische Kosmogonie und der biblische Schöpfungsbericht : ein Beitrag zur Apologie des biblischen Gottesbegriffs / von Aloys Kirchner.
- Kirchner, Aloys, 1880-
- Date:
- 1910
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Credit: Die babylonische Kosmogonie und der biblische Schöpfungsbericht : ein Beitrag zur Apologie des biblischen Gottesbegriffs / von Aloys Kirchner. Source: Wellcome Collection.
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![in dein l'mstamle, daß in l)eiden Ivostnogonien diesell)e 1 leilienfülgo der Scliüplnngswerke sieh zeige. Al)er l)ei’eils von (innkel wurde diese Be]iau])tnng wieder znriickgewiesen. Und in Wirklichkeit entliiUt das babylonische Epos, wie es uns zur Zeit vorliegt, rd)erliaupt keine Darstellung von der Bildung der Erde und von der Uervorbringung der Ptlanzen und Tiere. Gunkel findet endlich, daß venschiedene Züge des l)iblischen Berichtes „erst aus der babylonischen Parallele recht verständlich werden“ ^). Er glaubt zunächst den Umstand, daß in Gn 1 die Bestimmung der Himmelskörper für die Regelung und Fest- stellung der Zeiten stark hervorgehoben wird, aus dei' babylonischen Sternreligion erklären zu können. Docli vermag auch nach dieser Richtung hin der Gegensatz zwischen der biblischen und baby- lonischen Religion nicht verkannt zu werden. Für beide gilt aller- dings. daß aus ihrem AVesen die Auffassung vom Zwecke der Ge- stirne, die Zeiten zu regeln, nicht hergeleitet werden kann. Denn jene Zweckbestimmung beruht auf keiner irgendwie religiösen Lelire, sondern entspricht nur der Funktion, welche die Gestirne ausüben, indem sie tatsächlich die Zeiten normieren. AVenn daher in An- erkennung dieser vorliegenden Tatsache die biblische und baby- lonische Anschauung übereinstimmen, so ist kein besonderer Er- klärungsgrund erforderlich. Ein fundamentaler Unterschied ist dagegen darin gelegen, daß die biblische Religion in den Gestirnen nur Geschöpfe mit rein innerweltlicher Zweckbestimmung erblickt, indem sie ihnen, besonders im Schöpfungsberichte, nur die Aufgabe zuweist, die Zeiten zu regeln und Licht auf der Erde zu .spenden, während hingegen die babylonische Religion die Ge- stirne an erster Stelle als die vorzüglichsten Erscheinungs- formen der Gottheit auffaßt und dieselben mithin zum gött- lichen AVesen selbst in Beziehung setzt. Ähnliches ist geltend zu machen, wenn Gunkel das Auf- treten des Lichtes vor der Erschaffung der Gestirne für den biblischen Bericht aus der babylonischen polytheistischen An- schauung herleitet, nach welchei’ das Licht bereits zum AVesen der oberen Götter gehört. Es ist nämlich darauf zu verweisen, daß die gesamte Antike das Licht zunächst als eine von den Gestirnen unabhängige Substanz und sodann vor allem — gemäß der täg- lichen Erlälu'ung — als die Bedingung alles AVerdens und aller b Schöpfung und Chaos llß. Alüest. Abliiindl. III I. Kircliner, Diu l.iliyl. Kosniojjoniu. 4](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b24876811_0057.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)