Der Begriff des Instinktes einst und jetzt : eine Studie über die Geschichte und die Grundlagen der Tierpsychologie mit einem Anhang: Die Gehirne der Binen und Ameisen / von Heinrich Ernst Ziegler.
- Heinrich Ernst Ziegler
- Date:
- 1920
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Credit: Der Begriff des Instinktes einst und jetzt : eine Studie über die Geschichte und die Grundlagen der Tierpsychologie mit einem Anhang: Die Gehirne der Binen und Ameisen / von Heinrich Ernst Ziegler. Source: Wellcome Collection.
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![Die jonischen Philosophen und Heraklit. Die jonischen Philosophen oder Milesier haben eine eigenartige Naturphilosophie entwickelt, indem sie durch eine einzige Hypothese zu einer Erklärung der ganzen Nathr gelangen wollten. So lehrte Thaies1), daß das Wasser der Grundstoff aller Dinge sei. Aus dem flüssigen Wasser kann ein fester Körper ent¬ stehen, das Eis, und ein gasförmiger, der Wasserdampf, welchen man im Altertum nicht von der Luft unterscheiden konnte; so war die Hypothese möglich, daß die Luft sich verdichte zu Wasser und das Wasser zu festen Körpern. — Auf Thaies folgte Anaximander2), welcher eine ähnliche Tlieorie vertrat, aber nicht gerade das Wasser, sondern einen unerkennbaren Urstoff als die Grundsubstanz aller Dinge ansah. Er dachte sich eine Urmaterie, welche unvergänglich ist in dem Wandel der Erscheinungen; dieser Urstoff bildet die Erde, das Wasser und die Luft. — Der dritte der jonischen Philosophen ist Anaximenes3). Er sah die Luft als den Urstoff an; durch Ver¬ dichtung der Luft entstünden die flüssigen Körper, aus diesen die festen. Durch Verdünnung der Luft entstehe das Feuer. Die Seele ist durch die Atmung gekennzeichnet; das seelische Leben hängt also mit der Luft zusammen und bringt Wärme hervor, ist also mit dem Feuer verwandt. Das griechische Wort für Seele, tpvxr], bedeutet ursprünglich den Atemhauch, der im Tode aufhört, ebenso das lateinische Wort anima. Eine eigenartige Weiterbildung erfuhr die Lehre des Anaximenes später bei Diogenes von Apollonia (um 430). Dieser lehrte eben¬ falls, daß die Luft der Grundstoff aller Dinge sei. Der warme Atem bringe in den Tieren und im Menschen das Leben und das Bewußt- sein hervor. Die Luft sei aber auch das Wesen, welchem die Ver¬ nunft innewohne. In der Luft sei also die Weltvernunft, welche alles lenke und beherrsche. Hier geht also das naturphilosophische System in ein teleologisch-monotheistisches System über. 1) Thaies von Milet (in Kleinasien), geb. etwa 640 v. Chr., ein Zeitgenosse des Solon und des Kroesus. 2) Anaximandros aus Milet, etwa ein Menschenalter jünger als Thaies, um 610 geboren. 3) Anaximenes war wieder ein Menschenalter jünger als Anaximander (etwa 585—528).](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b29817493_0012.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)