Lehrbuch der Arzneimittellehre und Arzneiverordnungslehre : unter besonderer Berücksichtigung der deutschen und österreichischen Pharmakopoe / von H. v. Tappeiner.
- Tappeiner, H. von (Hermann von), 1847-1927.
- Date:
- 1907
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Credit: Lehrbuch der Arzneimittellehre und Arzneiverordnungslehre : unter besonderer Berücksichtigung der deutschen und österreichischen Pharmakopoe / von H. v. Tappeiner. Source: Wellcome Collection.
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![chemische Prozesse gewöhnlicher Art^ d. h. ein Austausch von Atomen zunschen Afolehülen des Mittels und solchen des Körpers, welclier zu Umsetzungen, Fällungen, Spaltungen, Oxydationen oder Reduktionen führt. In dieser Art wirken Halogene, freie Säuren, Alkalien, Salze der schweren l\Ietalle, überhaupt Stoffe mit starken Affinitäten. Sie greifen alle Zellen, insbesondere deren Eiweißstoffe, in gleicher Weise an und führen zu einer sichtbaren Umwandlung, einer Zerstörung von Körperbestandteilen, welche als Ätzung bezeichnet wird. Die- selbe bleibt gew’öhnlich auf die Applikationsstelle beschränkt, weil sie mit einer Umwandlung des wirkenden Stoffes, also mit einer Vernichtung seiner Eigenschaft als Arzneimittel verbunden ist. Be- zeichnend für diese Mittel ist ferner, daß sie auf lebende und tote K()rperbestandteile in gleicher Weise wirken und ihre Menge zu diesen in keinem zu großen Mißverhältnisse stehen darf, w^enn eine merkbare Wirkung eintreten soll. Im Gegensatz zu diesen, durch starke chemische Affinitäten wirkenden Agentien sind die Mehrzahl der Arzneimittel chemisch mdiff'erente Körper, Avelche anscheinend auch keine besondere Ver- wandtschaft zu den gew^ebebildenden Bestandteilen äußern, indem sie keine merkbare Veränderung im Gew^ebe hinterlassen, häufig unverändert oder nur sekundär verändert ausgeschieden w^erden und oft in so kleinen Gaben wirken, daß schon darum von einer Wirkung nach stöchiometrischen Verhältnissen keine Rede sein kann. Ein Tropfen Senföl z. B. vermag, auf irgend eine Schleimhaut gebi-acht, diese in großer Ausdehnung in heftige Entzündung zu versetzen, w^ährend die gleiche Menge von konzentrierter Schwefelsäure oder eines anderen, mit stärksten Affinitäten ausgerüsteten Körpers es höchstens zu einer Veränderung ganz beschränkten Umfangs bringt. Das Akonitin erzeugt schon in Bruchteilen eines Milligramms in zahlreichen Organen heftige Wii-kungen, welche nicht möglich erschienen, Avenn dieser Stoff hierzu mit geAvissen Zellenbestandteilen, z. B. den EiAveißkörpern, ]\lolekül für Molekül sich verbinden und Umsetzen müßte, da die Zahl der Moleküle des Alkaloids dazu bei AA'eitem nicht ausreichend wdire. Eine bestimmtere Erklärung der Wirkung dieser Art A'on Arznei- mitteln ist vorerst nicht zu geben. Wahrscheinlich handelt es sich in allen Fällen um vorübergehende Veränderungen in der mole- Icularen Struktur des Protoplasma der Zellen. Die ZAvischenschiebung auch nur eines Arzneiteilchens in die unbekannte, aber jedenfalls sehr große Anzahl von .tlolekülen desselben (EiAveißkörper, Lecithin, Salze, Wa.sser und andere Stoffe) kann genügen, um den molekularen 1+](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28096137_0015.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


