Lehrbuch der Arzneimittellehre und Arzneiverordnungslehre : unter besonderer Berücksichtigung der deutschen und österreichischen Pharmakopoe / von H. v. Tappeiner.
- Tappeiner, H. von (Hermann von), 1847-1927.
- Date:
- 1907
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Credit: Lehrbuch der Arzneimittellehre und Arzneiverordnungslehre : unter besonderer Berücksichtigung der deutschen und österreichischen Pharmakopoe / von H. v. Tappeiner. Source: Wellcome Collection.
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![Nacli vielfachen Erfahrungen brauclit man von der zur Erzielung einer bestimmten \\'irkung für einen männlichen Erwachsenen von 25—GO Jahren nötigen Dosis für einen Greis und ebenso für eine Frau nur Vs bis -/a, für ein 10jähriges Kind >/2, bei 5 Jahren 1/3, mit 1 Jahre V20, mit ‘/i Juhre ' 20 und mit einem i\Ionat bio. Im übrigen ist zu beachten, dab Säuglinge und zum Teil auch Greise gegen viele sonst per os gut ertragbare Mittel sehr empfindlich sind, wie sie ja auch gegen geringfügige Veränderungen der Nahrung oft mit bedrohlichem Erbrechen und Durchfall reagieren. ]\ränner sind gewöhnlich gegen die meisten Narcotica sehr resistent, weil sie bereits an eines derselben, den Alkohol, gewöhnt sind. Bei Frauen erfordern die Zeiten, der ^Menstruation, Gravidität und Lak- tation, bei Greisen die Brüchigkeit der Arterien besondere Rück- sichtnahme bei vielen Arzneimitteln. Idiosynkrasie nennt man die außergewöhnliche Reaktion ein- zelner, sonst ganz normaler Personen gegen manche Nahrungs- oder Arzneimittel. Hierher gehören die Nesselausschläge nach Auf- nahme von Erdbeeren, Krebsen, i\Iorphin, Chinin, die Aufregung und Nausea nach Morphin, die Temperatursteigerung nach Chinin und vieles andere. Eine hlrklärung derselben ist vorläufig nicht zu geben. Der Name stammt aus der Zeit der alten Krasenlehre, wo man die Erscheinung auf die eigentümliche Mischung der ISäfte (Synkrasia) zurückführte. Krankheiten vermögen die 'Wirkung eines Arzneimittels zu be- einflussen zunächst durch die Veränderung der Resorptions- oder Ausscheidungsorgane. Kreislaufstörungen verzögern die Resorption der Arzneimittel aus Magen und UnterhautzellgeAvebe oft ganz er- heblich ; Erkrankungen der Niere hingegen lassen durch Hemmung der Ausscheidung leicht Kumulierung eintreten. Des weiteren zeigen sich die Folgen einer ArzneiAvirkung an kranken Organen oft viel stärker als an gesunden, oder umgekehrt an gesunden stärker als an kranken. Es sei erinnert an die starke Wirkung von Brom- kalium, Kampfer und Chinin, bei Nervosität beziehungsweise Herz- schwäche und Fieber und an die Toleranz PJebernder gegen Alkohol und Brechweinstein. Solche Beispiele haben früher vieltach die Meinung erweckt, daß die Wirkung der Arzneimitttel bei Gesunden und Kranken ganz verschieden sei. Wie man sieht handelt es sich aber hier nicht um qualitative, sondern nur um quantitative Unterschiede, und zwar nicht der Wirkungen in der strengen Be- deutung des Wortes, sondern der P’olgen, die unter den in ge- sunden und kranken Organismen bestehenden veränderten Be-](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28096137_0024.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


