Albrecht von Graefe, sein Leben und Wirken / von E. Michaelis.
- Michaelis, Eduard, 1824-
- Date:
- 1877
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Credit: Albrecht von Graefe, sein Leben und Wirken / von E. Michaelis. Source: Wellcome Collection.
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![— Di nach aussen ab. Beobachten wir, was wahrend] dieser Zeit die Hornhaut des gesunden Auges unter der deckenden Hand thut, so sehen wir, dass dieselbe nach unten und etwas nach innen gegangen ist, und zwar um einiges mehr, als die ur- sprüngliche Ablenkung des kranken Auges betrug.*) — Gehen *) Diese Erscheinung rührt lediglich von der Störung des Muskel- gefühls her. Um nämlich dem Auge die erforderliche Stellung zu geben, rnuss der schwächer innervirte Muskel einen starken Contraktions-Impuls empfangen, welcher für normale Verhältnisse der Innervation eine weit excursivere Zusammenziehung des Muskels bewirken würde; es ist also dem Kranken gleichsam so zu Muthe, als richte er das Auge weit mehr nach der entsprechenden Richtung hin, als es wirklich der Fall ist, und demgemäss setzt er auch das ganze Gesichtsfeld viel mehr nach dieser Richtung hin. Die Physiologie des Gesichts beweist uns, dass die Lage der Bilder auf der Netzhaut wohl für das scheinbare Zueinander der Ge- sichtsobjekte den genauen Regulator abgiebt, dass aber die Lokalisation des Gesichtsfeldes im allgemeinen wesentlich vom Gefühl der Contraction in unseren Augenmuskeln abhängt. Die zum Theil anatomisch angelegte, zum Theil durch Uebung erworbene Harmonie zwischen der Augen. Stellung, Kopfstellung, Körperhaltung heisst uns das Gesichtsfeld in ge- wohnter Weise projiciren. Ist demnach die Innervation, welche der Bewe- gung des Auges dient, alieuirt, so wird auch das Urtheil über die Lage des Gesichtsfeldes zu unserem Körper verrückt sein; Scheinbewegungen, die sonst beim Wandern des Blickes auf der Netzhaut durch das Muskel- gefühl corrigirt werden, sehen wir in solchen Fällen zur Wahrnehmung gelangen. In diesen Umständen beruht auch der Gesichtsschwindel, den wir bei Augenmuskellähmungen so häufig wahrnehmen. Wird das ge- sunde Auge geschlossen, so geht selbst bei vollkommener Fixation mit dem betroffenen Auge der Kranke nicht gerade auf das Ziel, sondern int nach der Seite des parahsirten Muskels an demselben vorüber, oder lenkt bei langsamerer Bewegung allmälig, seinen Irrthum bemerkend, auf dasselbe ein. — Auf eine für die Heilung der Augenmuskellähmungen sehr einflussreiche Weise zeigt sich die Richtigkeit dieser Erklärung durch eine im vollkommen gesunden Auge eintretende Ablenkung nach Seiten des assoeiirten Muskels, welche eintritt, sowie der paretische Muskel des kranken Auges beansprucht wird. Lassen wir z. B. bei einer Parese des abducens das kranke Auge einen leicht nach aussen liegenden Gegen- stand fixrren, so tritt sofort ein Strabismus convergens des gesunden Auges](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21212971_0069.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


