Verhandlungen des V. Internationalen Zahnärztlichen Kongresses : Berlin, 23.-28. August 1909 / herausgegeben im Namen des Vorstandes des Kongresses von F. Schaeffer-Stuckert.
- International Dental Congress
- Date:
- [1909?]
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Credit: Verhandlungen des V. Internationalen Zahnärztlichen Kongresses : Berlin, 23.-28. August 1909 / herausgegeben im Namen des Vorstandes des Kongresses von F. Schaeffer-Stuckert. Source: Wellcome Collection.
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![kappe, aus der ich der Zungenflache des 2J ent- sprechend ein 3—4 mm grosses Loch ausschiiitt. Diese Kappe wurde mit Zement befestigt, und die Ziihne dadurch in ihre normale Lage zuriickgebracht. Dann wurde durch das erwahnte Loch die Pulpa des 'J blossgelegt, extrahiert und die Wurzel gefiillt. Die abgebrochene Wurzelspitze legte ich durch In- zision frei und extrahierte sie. Der Erfolg war tadellos. 4. Zu einem ganz ahnlichen Vorgehen sah ich mich vor kurzem gezwungen bei einem Redres- sement force. Einer auswartigen jungen Dame sollte der labial stark vorstehende J2 gerichtet wer- den. Wegen der ortlichen Verhaltnisse wurde Re- dressement force gewahlt. Ich verlange auch hier- bei stets, dass die Wurzelfiillung vorher gemacht wird, uni Verlust des Zahnes durch Pulpa-Periostitis zu vermeiden. Wie gut es war, dass ich hier die Wurzel gefiillt hatte, sollte ich bei der Operation er- fahren. Ich darf mir wohl hierbei die kleine Ab- schweifung erlauben, im allgemeinen vor dem Re- dressement palatinalwarts zu warnen, ohne dass vorher durch Wegnahme der Alveole geniigend Platz geschafien wurde. Ich hatte von der pala- tinalen Alveole schon ziemlich viel fortgenommen, ging beim Redressement ganz vorsichtig vor und horte doch das in meinem Ohr wie eine moralische Ohrfeige klingende Krachen von der gebrochenen Whrzel des gesunden Zahns. Ich machte sofort lingual eine grosse Inzision liber der gebrochenen Wurzelspitze, durchbohrte die Alveole und extra- hierte die abgebrochene, zum Gluck nicht zu grosse Spitze. Den Zahnstumpf glattete ich an der Bruchstelle; da fiel bei einer ungliick- lichen Bewegung der Patientin der Zahn in den Mund. Ich replantierte denselben sofort und be- festigte ihn mit der vorher gestanzten Metallkappe mittels Zement. Der Erfolg war trotz der uner- wiinschten Umwege gut. Auch verliess mich auf den Urmvegen die Sicherheit nie, weil ich eben in der Wurzelfiillung mir vorher die Garantie fiir das Gelingen festgelegt hatte. 5. Fiir Replantation und Implantation wird in den Lehrbiichern schon lange allgemein Wurzelfiillung verlangt. 6. Bei gutartigen Geschwiilsten oder Z y s t e n , die operiert werden, miissen samtliche Zahne, deren Pulpen durch die Geschwulst erkrankt sind, oder durch die Operationswunde erkranken konnten,devitalisiert und gefiillt werden. Durch eine grosse Oberkieferzyste, die ich behandelte, waren der grosse J1, die beiden linken Schneidezahne und der Eckzahn aus der Artikulation zungenwiirts ver- schoben, so dass teilweise eine Progenie entstanden war. Ich extrahierte vor der Operation die lebenden, aber fast ganz gefiihllosen Pulpen dieser Zahne und fiillte die Wurzeln. Bei der Zystenoperation musste ich die Wurzelspitzen resezieren, um Platz zu haben. Wiihrend der Heilung brachte eine schiefe Ebene die Zahne wieder in Artikulation. 7. Bei malignen Geschwiilsten wird der Chirurg selbstverstandlich der Entfernung der Zahne den Vorzug geben. Aber bei einem Zahn diesseits und jenseits der Geschwulst wird er doch halt machen. Fiir die Wundheilung und so auch fiir die Verhiitung von Rezidiven und zur Moglichkeit eine Prothese zu tragen, sollen diese Ziihne devitalisiert und ge- fiillt werden. 8. Bei Kiefernekrose und besonders solchen auf syphilitischer Basis soil man versuchen, durch entsprechende Wurzelbehandlung einem Weiterschreiten der Zerstorung Einhalt zu tun und Heilung zu ermdglichen. Seit zehn Jahren behandle ich einen Patienten, der wegen Lues am harten Gaumen einen Nasenarzt konsultiert hatte, von dem er mir iiberwiesen wurde. Der junge Maim war als Geschiiftsreisender in Siidamerika, als er die ersten Erscheinungen der Knochenentziindung be- merkte; dadurch verzogerte sich die iirztliche Hilfe. Er gab an, dass sich erst ein kleines Geschwiir in der Mitte des harten Gaumens, etwas links der Mittellinie gebildet liabe. Einige Monate nachher Schwellung des Zahnfleisches am linken Gaumen und der linken Backe. Dann babe er nicht beissen konnen, weil die linken oberen Zahne einer nach dem andern zu lang geworden waren und spater, weil sie zu kurz waren. Als ich ihn zuerst sah, war der Gaumen in der Mitte bohnengross perforiert, weiter hinten mehrere kleine Locher, und waren die Zahne von *J bis 2P einschliesslich durch Knocheneinschmelzung wie in den Kiefer hin- ein versunken. ]P hatte sogar P/s Zentimeter Abstand der Kauflache von der des Unterkiefers, die iibrigen Zahne weniger. A lie diese iiusserlich gesunden Zahne waren so lose im Zalmfleisch, dass sie mit den Fingern herausgenommen werden konnten. Die Pulpen waren sekundar gangranos. Der Alveolarfortsatz und ein grosser Teil des linken harten Gaumens waren der Zerstorung zum Opfer gefallen, so dass der Patient zeitlebens einen recht grossen Obturator tragen muss. Ich habe die Ueber- zeugung, dass die Mehrzahl dieser Ziihne und der grosste Teil des Kiefers hatte gerettet werden konnen, wenn rechtzeitig die spezifische Kur ein- geleitet worden wiire und vor allem, wenn der zu- erst durch die Knocheneiterung infizierte Zahn und vielleicht auch ein oder der andre Nachbar durch antiseptische Bejiandlung und Wurzelfiillung un- fiihig gemacht worden wiire, ein nie versiegender Quell zur Unterhaltung der Knocheneiterung und zur weiteren Infektion der iibrigen Ziihne zu sein. Wenn auch ein Skeptiker sagen konnte, dieses sei nur Vermutung, so kann ich noch hinzufiigen, dass J1 und 2M, die wacklig und deren Alveolen gegen die Nekrose hin zerstort waren, durch Wurzel- behandlung gerettet, gute Triiger der Prothese ge- worden sind, und dass ferner der Knochen an den](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28096733_0636.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)