Volume 1
Handbuch der Unfallerkrankungen einschliesslich der Invalidenbegutachtung / bearbeitet von C. Thiem.
- Date:
- 1909-1910
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Credit: Handbuch der Unfallerkrankungen einschliesslich der Invalidenbegutachtung / bearbeitet von C. Thiem. Source: Wellcome Collection.
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![oder des ganzen Körpers bei seinen Bewegungen in gefälirliclien Lagen, wie auf Baugerüsten, bei denen die Unsicherheit des Entfernungsschätzens empfunden wird und eine — wenigstens zeitweilige — ]\Iinderleistung herbeiführt. Die geschilderte Schädigung ist aber keine dauernde. Die allgemeine Erfahrung zeigt, daß der Ersatz des doppeläugigen durch das einäugige Sehen und die Erwerbung eines mehr oder weniger vollständigen Tiefen- schätzungsvermögens die Kegel, und das Beharren in dem Zustande gleich nach dem Verlust des einen Auges die Ausnahme ist. Logische Forderung für die erste Gruppe wäre also, daß die Rente nach einer ausgiebigen Ge- wöhnungszeit herabgesetzt würde — eine Forderung, die auch von G r o e- n o u w und M a g n u s erhoben wurde. Es hat sich aber gezeigt, daß diese theoretische F’orderung in der praktischen Ausführung fast unüber- windliche Schwierigkeiten bietet, denn vür haben bis jetzt gar kein von uns Ärzten bei der Untersuchung anwendbares Mittel, um das Maß der Gewöhnung an den Zustand objektiv zu beurteilen, sondern sind dazu einerseits auf die Aussagen des Verletzten, anderseits auf die seiner Mit- arbeiter und Vorgesetzten angewiesen, welch letztere die Berufsgenossen- schaften und gerichtlichen Organe besser einholen können als wir. Vas die Aussagen des Verletzten anlangt, so ist doch wohl nur bei einem praktisch gar nicht in Betracht kommenden minimalen Bruchteil ein Zugeben der Besserung des Sehvermögens zu erwarten, wenn es sich um eine Untersuchung zwecks möglicher Herabsetzung der Rente handelt. Von dem Rest kann man meines Erachtens auch nur wieder einer geringeren Anzahl den Vorwurf des bewußten Leugnens einer Besserung machen; die wesentlich größere Zahl steht so unter dem Bann der Vorstellung eines schweren Verlustes, an den sie in vielen Fällen täglich durch den Wechsel des künstlichen Auges oder, wenn solches nicht getragen wird, durch die beständigen Katarrhe der leeren Augenhöhle, die Einrollungen der Lider u. s. w. erinnert wird, daß ihrem Denkvermögen die Möglichkeit einer Besserung nach einem solchen Verluste ganz fern liegt und sie sich gegen eine solche ^Möglichkeit auch ohne mala fides aufs heftigste sträuben. Die Aussagen der Vorgesetzten würden ja von größtem Wert sein, wenn es sich beiderseits um Idealmenschen handelte, aber bei unseren praktischen Verhältnissen würde die Folge einer solchen Beurteilung nur die sein, daß der einäugige Arbeiter unter den Augen seiner Vorgesetzten so schlecht als möglich arbeitete, um die Notwendigkeit einer hohen Rente zu erweisen. M a g n u s hatte dieses Beweismittel in seiner ^Monographie „Die Einäugigkeit in ihren Beziehungen zur Erwerbsunfähigkeit“ ganz be- sonders hervorgehoben, ist aber in seinen späteren Veröffentlichungen über dasselbe Thema nicht mehr darauf zurückgekommen. Es schien, als ob die Bestimmung des wiedergewonnenen Maßes an Tiefenschätzungsvermögen an den verschiedenen Apparaten endlich das objektive Mittel zur Feststellung der Gewöhnung liefern sollte. Pfalz trug in diesem Sinne auf der 19. ^ ersammlung Rheinisch-westfälischer Augenärzte vor, worauf Scheffels fragte, ob Vortragender wirklich lediglich auf Grund der Prüfung mit seinem neuen Apparat die ganz be- stimmte Diagnose auf Simulation gestellt habe. Vortragender gibt ge- wissen Subjektivismus bei den Prüflingen zu, glaubt aber durch sorg- fältige Beobachtung des Benehmens jener und Abwechseln mit den](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b29010767_0001_0777.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


