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Credit: Naturwissenschaft und Psychologie / von Wilhelm Wundt. Source: Wellcome Collection.
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![unbestimmten Stoffes durch die Handlung des Künstlers ausgehend, be- zeichnet er diese Gegensätze auch als die des Stoffes und der Form. Doch gehören diese letzteren Begriffsbildungen mehr der eigentümlichen Ausprägung an, die ARISTOTELES seinem System im Anschluß an die pla- tonische Philosophie und zugleich im Gegensatz zu ihr gegeben, während die wahre Bedeutung namentlich seiner physikalischen Grundanschauungen durchaus in jenen Wechselbegriffen der Dynamis und der Energie ihren Ausdruck gefunden hat. Daß diese Begriffe Zweckbegriffe sind, und daß daher die gesamte Naturbetrachtung, die sich auf ihnen aufbaut, von vornherein eine teleologische ist, erhellt ohne weiteres. Das Potentielle kann ja überall erst im Hinblick auf das Aktuelle, auf die im wirklichen Geschehen sich betätigende Energie bestimmt werden. In diesem Sinne setzen diese Wechselbegriffe eben jene regressive Betrachtung voraus, die wir oben als das Hauptmerkmal der Teleologie kennen lernten. Aristoteles selbst bringt diesen teleologischen Grundgedanken seines Systems noch entschiedener darin zur Geltung, daß er die Energie auf den höheren Stufen der natürlichen Entwicklungen auch alsEntelechie, als Zweckerfüllung, bezeichnet. Jene Stoß- und Wurfbewegungen aber, die in der Ausbildung der mechanischen Weltanschauung eine so große Rolle gespielt hatten, werden von ihm, da sie sich nicht in ähnlicher Weise wie die Hiramelsbewegungen oder die Fallbewegungen, die dem »natürlichen Ort« der schweren Körper, dem Erdmittelpunkte, zustreben, oder wie die Vorgänge in der organischen Natur, einer regelmäßigen Stufenfolge von Zwecken einordnen lassen, in einer eigentümlichen Hilfs- kategorie untergebracht, in die dieser größte Teleologe alle Erschei- nungen verweist, die sich nach seiner Meinung zwar kausal, aber nicht teleologisch begreifen lassen: in die des »Zufälligen« (au[xßEß7]xdv). Denn das Zufällige ist ihm kein Ursachloses, sondern ein Zweckloses, und in diesem Sinne mochte ihm wohl auch die rein mechanische Welt- ansicht als eine solche erscheinen, die den Zufall zum Beherrscher der Dinge mache. Am vollständigsten durchgeführt hat Aristoteles die von ihm be- gründete energetische Anschauung bei denjenigen Erscheinungen, die seinen eigenen Studien am nächsten lagen, bei den Lebenserscheinungen. Da sind Ernährung und Fortpflanzung, Empfindung und Ortsbewegung, und als höchstes die denkende Tätigkeit die Energien, die sich in der Stufenfolge der lebenden Wesen nebeneinander, und die sich in dem Menschen nacheinander entwickeln, derart daß die höhere Stufe immer die niederen voraussetzt. Auf diese Weise ist der herrschende Begriff dieses Systems der der Vollkommenheit, d. h. der immer größer und vielseitiger werdenden Zweckmäßigkeit. Darum bilden die Energien](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21296327_0029.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)