Die Pest des Thukydides. (Die attische Seuche.) : Eine geschichtlich-medicinische Studie.
- Wilhelm Ebstein
- Date:
- 1899
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Credit: Die Pest des Thukydides. (Die attische Seuche.) : Eine geschichtlich-medicinische Studie. Source: Wellcome Collection.
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![III. Ueber die Natur der attisclien Pest (Pest cles Thukydides). 1. Die in dieser Beziehung vorhandenen literarischen Angaben. Ueberblicken wir die Schilderung der Seuche, welche Thuky- dides auf Grand eigener Anschauung bei Anderen imd dessen, was er am eigenen Leibe erfabren hat, gegeben hat, so werden Avir ihm auch vom arzthchen Standpimkt das Zeugniss nicht verweigern konnen, dass seine Beschreibung eine durchaus objective ist, welche entsprechend dem damaligen Zustande der medicinischen Wissen- schaft so sachgeniass ist, dass sie auch ein Arzt jener Zeit nicht hatte besser machen konnen. Niemals, sagt Grote (1. c), ist eine morderische Epidemie mit mehr ausdrucksvoller Treue geschildert worden, als von Thukydides ^). AVir sehen gleichzeitig, dass sich Thukydides auch betreffs der Aetiologie der Seuche eine weise Zuriickhaltung auferlegt hat, nicht nur betreffs der wirkhchen Ur- sache der Krankheit, sondern auch besonders dariiber, ob die Seuche autochthon entstanden oder von anderen Landern eingeschleppt worden ') Ich wiirde es fiir sehr unberechtigt halten, wollte man auf Grund der Schilderung der Seuche, welche Lucretius (geboren 97, gestorben 58 v. Chr.) in Hexameterii VI, 1146 (1144) If. gegeben und welche Heilmann in der Ueber- setzung von W. Binder (Stuttgart 1868) die Schilderung des Thukydides zu commentiren versuchen, so bequem dies auch in mancher Beziehung, z. B. be- treft's der Deutung der Hautaffection, indem Lucretius von „brandigen Schwaren der Korper spricht, erscheinen mag. Jedenfalls kann dem Lu- cretius, unbe?chadet seiner sonstigen Vorziige, ein grosseres Verstiindniss fur medicinische Dinge, als dem Thukydides, dessen Beschreibung er lediglich poetisch bearbeitet liat, nicht wohl zugebilligt werden. Man wird mit Littre (Oeuvres completes d'Hip]ioerate, T. I, Paris 1839, S. 122) jedenfalls den Vor- wurf zuriickweisen diirfen, welchen Galen dem Thukydides macht, dass er nur popular geschrieben und dass er nur Dinge ohne wissenschaftliche Tragweite gesagt habe. Littre's AVorte: die Beschreibung des Thukydides ist so gut, dass sie geniigt, uni uns eine Vorstellung davon zu geben, um was es sicli bei dieser alton Krankheit gehaiidelt hat, darf man im Wesentlichen unter- schreiben, wofern man nicht mit Littre (cf. unten S. 52) einen bestimmten Krankheitsnamcn einsetzen will.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21223658_0021.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)