Die Pest des Thukydides. (Die attische Seuche.) : Eine geschichtlich-medicinische Studie.
- Wilhelm Ebstein
- Date:
- 1899
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Credit: Die Pest des Thukydides. (Die attische Seuche.) : Eine geschichtlich-medicinische Studie. Source: Wellcome Collection.
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![von Plinius, G-alen und anderen Autoren des Alterthums, vermuthen diirfe, dass bosartige Krankheiten infolge Genusses von verdorbenem oder erkranktem G-etreide scbon damals nicht selten gewesen sind. Dagegen ist die unter dem Namen des „heiligen Feuers (Ignis sacer, Ignis St, Antonii u. a. a.), deren Identitat mit dem Ergo- tism us gangraenosus (Brandseuche) nicht mehr angezweifelt werden kann, erst von den Chronisten des Mittelalters als eine epidemische Krankheit beschrieben worden, welche besonders haufig in Frank- reich zur Beobachtung gekommen ist und welche sich durch inten- sive Schmerzen und brandige Zerstorung der Haut, beziehungsweise der Knochen und dadurch bedingten Yerlust der Extremitaten cbarakterisirte. Ob neben der gangranosen Form des Ergotismus oder unabhangig von derselben auch der convulsive Ergotismus — die Kriebelkrankheit — (Robert^) sagt, abweichend von A. Hirscb, dass der Name „Kriebelkrankheit fiir beide Formen des Ergotismus gebraucht werde) im Alterthume oder im Mittelalter vorgekommen ist, dariiber geben die vorliegenden Mit- theilungen keinen Aufscbluss. Die ersten Nachrichten iiber die con- vulsive Form des Ergotismus datiren aus dem 16. Jabrhundert. Ueber die latente Form des Ergotismus finde ich, soweit meine ISTachforschungen reichen, ausser bei Robert (1. c. — historische Studien u. s. w.) nichts verzeichnet. Betreffs der Aetiologie des Ergotismus wissen wir, dass er infolge des relativ reichlichen Ge- nusses eines durcb Mutterkorn verunreinigten Getreides, beziehungs- weise der aus demselben bereiteten Nahrungsmittel entsteht und ebenso scheint festzustehen, dass, wenn der Mutterkornpilz sich audi auf verschiedenen Gramineen entwickelt, doch nur der auf dem Roggen wuchernde, vielleicht auch der an der Trespe vorkommende Parasit es ist, vrelchem jene giftige Eigenschaft zukommt (A. Hirsch). Nun steht ferner fest, dass die giftige Wirkung des Mutterkorns von einer nur beschrankten Dauer ist. Robert^) sagt selbst folgen- des dariiber: „]S[achweislich besitzt das Mutterkorn nur um die Zeit der Ernte, d. h. einige Wochen vorher bis einige Monate nachher, erhebliche Giftwirkungen; spater verlieren sich dieselben volKg. So kommt es, dass die Mutterkornvergiftung nur in den bezeichneten Zeitraum fallen kann. Dies riihrt offenbar von der raschen Zer- setzung der in dem Mutterkorn enthaltenen wirksamen Bestandtheile her. Jacobj^) sagt iiber diesen Punkt: „Die mit der Zeit schnell abnehmende Wirkung des Mutterkorns selbst, sowie der aus ihm hergestellten Praparate wies darauf hin, dass die wirksamen Bestand- ^) Kobert, 1. c, Intoxicationen. S. 438. ^) Kobert, 1. c, Intoxicationen. S. 434. =*) Jacobj, 1. c. S. 87.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21223658_0038.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)