Die Pest des Thukydides. (Die attische Seuche.) : Eine geschichtlich-medicinische Studie.
- Wilhelm Ebstein
- Date:
- 1899
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Credit: Die Pest des Thukydides. (Die attische Seuche.) : Eine geschichtlich-medicinische Studie. Source: Wellcome Collection.
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![ware, die Athener schon dem „latenten Ergotismus, mit welchem Kobert rechnet, verfallen sein miissen. Woher aber sollte derselbe stammen? Giftiges mutterkornhaltiges Material konnte es um diese Zeit unmoglicli geben. Die Bevolkerung lebte um diese Zeit noch von der vorjahrigen Ernte, ware das davon stammende Getreide mutterkornbaltig gewesen, es hatte langst seine giftigen Eigen- scbaften eingebiisst. Thukydides gibt an (II, 19), dass — wie Heilmann iibersetzt — das Getreide mitten im Sommer in seinem besten Wachsthum war {zob aitoo axp^dCovTOc), dies deckt sich, wie nacb Prof. Busolt's Mittheilungen voUkommen feststeht, nicht mit der Getreidebliithe, obgleich dies nach Wortlaut der Fall zu sein scheint; denn „ati:o(; bedeutet hier das „Korn, nicht den „Halm und nach dem griechischen Begriffe „a%[JLY5 erlangt das Korn seine „ax[j.'/], wenn es seine Schnittreife erlangt hat. „To5 oitod ax[xdCovi:o^ bedeutet also: „als das Getreide schnittreif war. Gegenwartig fallt die Schnittreife der fiir Attika mit Riicksicht auf die bereits ange- gebene Productionsgrosse allein in Betracht kommenden Getreideart, namlich der Gerste ^), in die zweite Halfte des Mai, im Alterthume fiel sie jedoch wahrscheinlich 3—4 Wochen spater. Diese That- sachen diirften geniigen, um nachzuweisen, dass von einer Concur- renz des Ergotismus iiberhaupt, also auch von einer Concurrenz des latenten Ergotismus Robert's bei der Aetiologie der attischen Seuche nicht wohl die Rede sein kann. Hatte nun aber auch derselbe — was, wie gesagt, nach dem hier beigebrachten Beweismateriale als vollig ausgeschlossen angesehen werden muss — bei der attischen Pest zunachst eine Rolle gespielt, so ware es doch als vollig ausgeschlossen anzusehen, dass auf den weiteren Verlauf der Seuche, welche sich mit gewissen E-emissionen (vergl. o. S. 12) bis zu dem Jahre 426 v. Chr. erstreckte, dieser latente Ergotismus einen erweislichen Einfluss ausgeiibt hatte. Damit darf die Kobert'sche Hypothese betreffs des Einflusses des Ergotismus ■') Betreffs der Rolle, welche die Gerste bei der Ernalirung der Athener spielte, mogen einige erlauternde Bemerkungen hier Platz finden. Aug. Bockh ■ (Die Staatshaushaltung der Athener, 2. Ausgabe, Bd. I, Berlin 1851) sagt (S. 112): \ „Attika war fiir Grerste, welche am meisten verzehrt wurde, ein ganz ' vorziigliches Land. Beloch (1. c. S. 423) bezeichnet, auf Bockh sich stiitzend, i die Quantitat Gerstenmehl, welche auf einen erwachsenen Mann gerechnet ' wurde; sie betrug taglich eine Chonix (etwa 1 Liter). Ausserdem schreibt , Wachsmuth (Die Stadt Athen im Alterthum II, Leipzig 1890, S. 465) be- I treffs der Giite und der Menge des in Attika producirten Getreides: „So vor- ] ziiglich auch in Qualitat das im Lande erzeugte Getreide, namentlich der attische Weizen, war, so bildete es, da das Land schon friih fiir die ge- ; stiegene Bevolkerung der Hauptstadt nicht mehr in hinlanglicher Quantitat \ dieses wichtigste Nahrungsmittel producirte, eine der bedeutendsten Aufgaben j der stadtischen Behorden, dafiir zu sorgen, dass in Athen stets Getreide in aus- reichender Menge und zu einem auch fiir den Aermeren erschwingbaren Preise vorhanden war.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21223658_0040.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)