Die Pest des Thukydides. (Die attische Seuche.) : Eine geschichtlich-medicinische Studie.
- Wilhelm Ebstein
- Date:
- 1899
Licence: Public Domain Mark
Credit: Die Pest des Thukydides. (Die attische Seuche.) : Eine geschichtlich-medicinische Studie. Source: Wellcome Collection.
Provider: This material has been provided by the Augustus C. Long Health Sciences Library at Columbia University and Columbia University Libraries/Information Services, through the Medical Heritage Library. The original may be consulted at the the Augustus C. Long Health Sciences Library at Columbia University and Columbia University.
46/60 (page 40)
![wir leider audi sie nocli nicht zu den erloschenen Krankheiten rechnen, denn in Europa ist dieselbe, nach ihrem Auftreten im Jahre 1841, im Jahre 1879 nochmals in einer^ kleinertn Epi- demie in Russland beobachtet worden. Erwahnt werden mag hier noch die von Brandeis^) vertretene Anschauung, wonach die Pest des Thukydides weder die orientalische Pest noch das Scharlacb- iieber noch auch der Typhus contagiosus gewesen sei. Es geht vielmehr die Vermuthung von Brandeis dahin, dass die Pest des Thukydides in einem eigenthiimhchen, hitzigen, mit Entziindung der Schleimhaute und der Leber verbundenen Hautausschlage be- standen habe, der in der Folge der Zeiten nie wieder zum Vor- schein gekommen sei. Wie wenig mit dieser Erklarung gesagt ist, braucht fiir den Sachverstandigen nicht auseinandergesetzt zu werden. Ich halte es iiberhaupt fiir eine kiihne Behauptung zu sagen, dass es sich bei der Pest des Thukydides um eine danach nie wieder aufgetretene Krankheit gehandelt habe. Auch die Behauptung, dass es sich bei der attischen Pest um eine abgestorbene Krankheit handele, lasst sich nicht aufrecht erhalten, denn die Greschichte der Seuchen lehrt, dass sie oft nach langen Zwischenraumen, nachdem man sie langst erloschen wahnte, wieder auftreten ^). Dazu kommt, dass nicht nur bei der attischen, sondern auch bei einer Reihe viel spater auf- getretener Seuchen die Differenzirung derselben wegen der unzu- reichenden Beschreibung auf unlosbare Schwierigkeiten stosst. 2. Meine Anschauungen iiber die attische Pest. Es eriibrigt, dass ich zum Schluss meine eigene Ansicht iiber die Natur und Art der Pest des Thukydides ausspreche. Dieselbe fiel in den Beginn des 2. Jahres des peloponnesischen Krieges. Die ersten Pestfalle gehoren noch in den Monat April dieses Jahres. Dass irgendwelche Nothstande, ausser dem durch den bestehenden ^)H. Brandeis, Die Krankheit zu Athen nach Thukydides. Stuttgart 1845. ^) Corlieu (1. c.) hat darauf hingewiesen, dass eine im Jahr 1875 in Angora (Tiirkisch-Asien) herrschende, durch Hungersnoth und Schmutz er- zeugte Seuche, welche von einem griechischen Arzte Vegleri in dem medici- nischen Journal von Athen: „aX7]v6(; (1880, Nr. 8, 9 u. 10) beschrieben, mit der Pest des Thukydides in Parallels gestellt und ebenso wie diese als Typhus bezeichnet worden sei. Corlieu bezweifelt demnach, dass es sich bei der attischen Seuche um eine heute ausgestorbene Seuche gehandelt habe. So- viel ich aus der Beschreibung der Seuche in Angora durch Vegleri, soweit sie Corlieu mittheilt, ersehen kann, kann man sie mit der attischen Seuche doch nicht ohne weiteres fur identisch halten. Jedenfalls diirfte es von Interesse sein, dass nach einer in Athen eingezogenen Erkuudigung ein dortiger guter Militararzt auf die Frage, wie man jetzt dort die Pest des Thuky- dides deute, die Antwort ertheilt, dass es sich dabei um eine „ArtFieber mit Blattern gehandelt habe. Jedenfalls kann das von Corlieu mitgetheilte Bei- spiel nicht als Beweis dafiir herangezogen werden, dass die attische Seuche und die Seuche von Angora identische Krankheiten sind.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21223658_0046.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)