Die seelische Entwicklung des Kindes : nebst kurzer Charakteristik der Psychologie des reiferen Alters / von I.A. Sikorsky.
- Ivan Sikorski
- Date:
- 1908
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Credit: Die seelische Entwicklung des Kindes : nebst kurzer Charakteristik der Psychologie des reiferen Alters / von I.A. Sikorsky. Source: Wellcome Collection.
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![verfahren noch lange festzuhalten fortfährt. Das Kind legt es selbst dann noch nicht ab, wenn die Hand — dieses mächtige Werkzeug des Menschen — das Organ des aktiven Tastens wird. Selbst zu dieser Zeit hört das Kind nicht auf, mit Lippen und Mund nach- zuprüfen, was es mit Hilfe der Hand untersucht hat, und oft nimmt es unter einfacher Ignorierung der Hand den zu betastenden Gegen- stand zur Untersuchung in den Mund. Mit Hilfe der Lippen und des Mundes bestimmt das kleine Kind die physischen Eigenschaften der Körper, wie ihre Härte, Weichheit, Glätte, Rauhheit und auch ihre Temperatur — kurz, alle diejenigen Eigenschaften, die später beim Kinde und beim Erwachsenen mittels der Finger bestimmt werden. Man kann sagen, daß in der zu untersuchenden Lebensperiode des Kindes die Zunge, die Lippen und angrenzenden Gesichtsteile fast als einziges Organ für die taktile Wahrnehmung der Außenwelt dienen. Gegen Ende des dritten Monats zeigt dieses Organ eine vollkommene Entwicklung, was sich in der Geschicklichkeit äußert, mit der das Kind den Gegenstand mit den Lippen greift. Aber in den ersten Stunden und Tagen nach der Geburt ist eine Unbeholfen- heit, und zuweilen sogar eine Unfähigkeit, die Brust zu nehmen, bemerkbar, bis der Säugling es schließlich auf richtige Weise erlernt. Mit einer gespaltenen Lippe geborene Kinder lernen es auch schließ- lich nach langen Yersuchen, Saugbewegungen zu machen, indem sie sich dazu einer Lippenhälfte bedienen. Das aktive Tasten macht sich auch am ganzen Körper des Kindes bemerkbar, obwohl es schwächer ausgedrückt ist, als in der Lippengegend. Von seiner Existenz kann man sich an dem besonderen Vergnügen, das das Kind äußert, wenn man es voll den beengenden Wickeln befreit, und an dem Protest gegen das Wickeln, wo dasselbe angewandt wird, überzeugen. Die dem sich selbst überlassenen Kinde oft gelingende Befreiung der Körperteile, besonders der Händchen und Ärmchen, aus den Windeln ist nicht einfacher Zufall, sondern zeigt, daß das Kind, welches noch nicht gelernt hat, Gegenstände mit den Händchen zu greifen, in bezug auf das aktive Tasten schon so weit vorgeschritten ist, daß bei einer großen Menge von Bewegungen die Zahl der gelungenen ]\[anöver die der mißlungenen übersteigt, und das Kind sich häu- figer von den Windeln befreit als in sie verwickelt. AVeiter als bis zu dieser Annäherung ans Ideal gehen aber die Fortschritte des Kindes in der besprochenen Periode nicht.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28093409_0054.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)