Volume 1
Grundzüge der physiologischen psychologie / von Wilhelm Wundt.
- Wilhelm Wundt
- Date:
- 1902-1903
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Credit: Grundzüge der physiologischen psychologie / von Wilhelm Wundt. Source: Wellcome Collection.
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![Merklichkeitsgrade, wo sich nun als Nullpunkt der Merklichkeitsstufen von selbst die Grenze zwischen dem Ueber- und Untermerklichen, und damit auch das dies- und jenseits dieses Grenzpunktes Gelegene als eine Reihe wohl definirbarer, positiver und negativer Werthe ergibt. Bekanntlich sind übrigens in älterer Zeit auch in der Mathematik die Begriffe des Negativen und des Un- endlichen in Folge ähnlicher Missverständnisse angefochten werden . Mehrfach hat man aber auch, theils um eine bessere Uebereinstimmung mit den Beobachtungen zu erzielen, theils um die angeblichen »negativen Empfindungen« zu vermeiden, die FECHNER’sche Fundamentalformel zu ergänzen gesucht oder statt derselben andere Formeln vorgeschlagen. So suchte Helm- holtz 2 speciell beim Gesichtssinn den unteren und den oberen Abweichungen Rechnung zu tragen. Von der Erwägung ausgehend, dass sich bei schwachen Erregungen subjective Reize geltend machen, und dass anderseits die Existenz der Reizhöhe ein Steigen der Empfindung über einen gewissen Maximalwerth verhindert, ergänzte er die Fundamentalformel in folgender Weise. Bezeichnet man jene als constant angenommene subjective Erregung, durch die sich das Sinnesorgan stets über der Reizschwelle befindet, mit Wo, so erhält man statt der Fundamentalformel die Gleichung dE — C ■ dR R Rq Nimmt man ferner an, dass C keine Constante sei, sondern eine Function von R, welche die Form besitze C = ^ , worin b eine sehr große Zahl bezeichnet, so wird C für mäßige Werthe von R annähernd unveränderlich sein, bei sehr großen Werthen von R aber rasch abnehmen. Man erhält demgemäß , p ad R ~ [b + R] (Ro + R) ’ und hieraus E = a b — R* ■ log Rq + R b + R + H. Nach dieser Formel würde die relative Unterschiedsempfindlichkeit bei sehr geringen und bei sehr großen Werthen von R abnehmen, und bei den letzteren würde man sich der Grenze E — H nähern. H würde also das Maximum der Empfindung bezeichnen. Selbst beim Gesichtssinn, für welchen Helmholtz diese Formel zunächst entwickelt hat, wird jedoch durch dieselbe keine zu- reichende Uebereinstimmung mit der Beobachtung erzielt, da offenbar die unteren Abweichungen weit mehr von andern Bedingungen als von dem so- genannten Eigenlicht der Netzhaut abhängen. Delboeuf suchte dem WEBER’schen Gesetz insofern eine abweichende mathematische Form zu geben, als er neben dem äußern Reizvorgang auch die physiologische Sinneserregung berücksichtigte1 2 3. Indem er hierbei die Exi- stenz constrastirender Empfindungen, wie Warm und Kalt, Hell und Dunkel, 1 Vgl. hierzu Alfr. Köhler, Philos. Stud. Bd. 3, 1886, S. 588 ff. 2 Physiologische Optik, S. 312 ff. 2. Aufl. S. 387 ff. 3 Delboeuf, Theorie generale de la sensibilite, p. 25.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28092909_0001_0523.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


