Die Sehnenreflexe und ihre Bedeutung für die Pathologie des Nervensystems / von Maximillian Sternberg.
- Sternberg, Maximilian, 1863-1934.
- Date:
- 1893
Licence: Public Domain Mark
Credit: Die Sehnenreflexe und ihre Bedeutung für die Pathologie des Nervensystems / von Maximillian Sternberg. Source: Wellcome Collection.
Provider: This material has been provided by the Francis A. Countway Library of Medicine, through the Medical Heritage Library. The original may be consulted at the Francis A. Countway Library of Medicine, Harvard Medical School.
294/352 page 278
![men Gesunden den Patellarreflex fehlen, von diesen war das eine Individuum 94 Jahre alt. Ausser diesen beiden, bei Massenunter- suchungen gefundenen Fällen, sind von anscheinend Gesunden, denen der Patellarreflex fehlte, in der Literatur erwähnt: 1 Fall von Lombard [441, S. 124], 1 Fall von Walton [756].*) Ich habe bei meinem grossen Material von circa 6000 Fällen nur einmal alle Sehnenreflexe bei einem Individuum fehlen gesehen, bei dem absolut kein Symptom einer Erkrankung des Nervensystems bestand. Es war eine 34jährige Frau, die wegen leichter Verdauungsbeschwerden das Spital aufgesucht hatte (durchaus keine crises gastriques oder intestinales). Danach würde es scheinen, als ob die Sehnenreflexe ab und zu bei wirklich gesunden Personen fehlten. Man muss sich jedoch vor Augen halten, dass keine Diagnose so schwer ist, als die der Ge- sundheit. Es kommen Fälle vor, in denen kein objectives Zeichen eine Erkrankung des Rückenmarks verräth, als nur das Fehlen der Patellarreflexe, und die sich doch nach Jahr und Tag als Hinterstrangs- degeneration erweisen, wie der von Westphal [787] beschriebene Fall zeigt. Ferner kann, wie in unserer Beobachtung XXXI, bei Neur- asthenie der Patellarreflex selbst mit dem Jendrässik'üchQ,n Kunstgriff nicht auslösbar sein, wohl aber nach der Einwirkung eines mächtigen Hautreizes, des kalten Bades. (Das betreffende Individuum besitzt übrigens kräftige Achillessehnenreflexe.) In dieser Weise sind aber die angeführten, angeblich gesunden, seltenen Fälle nicht untersucht worden. Es steht also bis jetzt der Nachweis aus, dass bei irgend einer völlig gesunden Person — mit Ausschluss von Neurasthenie — die Sehnenreflexe sämmtlich bei wiederholter**), unter allen Cautelen angestellter, Untersuchung wirklich dauernd gefehlt hätten und sich das Nervensystem bei dem schliesslichen Tode intact erwiesen hätte.***) Das absolute Fehlen aller Sehnenreflexe ist daher vorläufig als entschieden pathologisch zu betrachten. Das Symptom des Fehlens des Patellarreflexes wird nach dem Vorschlage von Mendel^) „Westphal'sches Zeichen genannt. *) Der Fall von Bernhardt [54] ist dem Autor selbst nicht ganz beweisend.— Der Fall von Spitzha [688] ist, wie der Referent in „Brain ausführt, sehr zweifelhaft. **) Auch Westphal [789] hat betont, dass man wiede rholt den Patellar- reflex untersuchen müsse, ehe man sich entschliessen dürfe, ihn als fehlend an- zunehmen. ***) Im Falle von Dejerine [152]: Fehlen der Sehnenreflexe bei einem Phti- sikev, negativer anatomischer Befund, — sind keine bahnenden Mittel angewendet worden. t) Mendel [Neurol. Centralbl. 1883. Nr. 21].](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21079043_0294.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


