Neue Untersuchungen zur Pocken- und Impf-Frage / von H. Böing.
- Böing, Heinrich.
- Date:
- 1898
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Credit: Neue Untersuchungen zur Pocken- und Impf-Frage / von H. Böing. Source: Wellcome Collection.
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![wareu. Die Keniitniss des Feindes verschaffte er sich dadurch, dass er mit 20 Doktoren und Doktoranden der Medizin sämmtlichc Häuser der Stadt (2139), in 21 Theile abgetheilt, nach einem be- stimmten Schema auf ihren Pockenstand — Zahl der Kranken, Todteu und noch Pockenfähigen, Alter, Nachkrankheiten, Inoku- lationen — untersuchte und tabellarisch ordnete. Damit aber nicht zufrieden, sammelte er auch das Material aus früheren Epidemien, wobei sich herausstellte, dass von 1727 an nur sehr wenige Jahi-e ganz frei von Pockentodten waren, in einigen Jahren dagegen die Seuche ebenso heftig und heftiger gewüthet hatte wie 1791. An- knüpfend an diese Thatsachen entwickelte Junker nun zunächst, was in dem Verhalten der Bevölkerung gegenüber der letzten Seuche lobens-, was tadelnswerth gewesen und welches Verhalten in Zukunft als das beste und zweclanässigste zu beobachten sei. Er stellt drei Forderungen: 1) die Seuche, soweit irgend mögüch, ganz und gar zu verhüten; 2) die] Eander gegen das Gift unempfindHch zu machen (Impfung); 3) in den noch übrig bleibenden Fällen den tödtücheu Ausgang und die sonstigen traurigen Folgen der Krankheit möghchst selten zu machen. Wie man sieht, verlaugt Juncker prophylak- tische und therapeutische Maassnahmen; in ersterer Beziehung zu- nächst Vermeidung der Ansteckung und sodann die Inokulation, diese aber stets mit sorgfältigster Eücksicht nicht nur auf das AVohl des Impflings, sondern auch auf das seiner näheren und ferneren Umgebung. Die Belehi-uugen, welche in Ausführung dieses Programms folgen, sind derart, dass sie, allgemein fasslich, theils die überall hen'schenden Vorurtheile über das Wesen der Pocken, die Art ihrer Verbreitung, ihre ange'bliche Unvermeidbarkeit u. s.w. bekämpfen, theils positive Maassregelu vorschlagen, durch welche die Verhütung der Ansteckung und eine die Umgebung nicht gefährdende Ausführung der Inokulation ermöghcht werden sollte. Die bisherige Art der Ein- impfung ist durchaus unzulässig, weil sie das Gift ohne alleSchonung für die Nachbarn verbreitet und verursacht, dass „viele Hundert diesen Gifttod sterben müssen, weil es einem reichen Mann gefiel, seineu Liebhng impfen zu lassen. Juncker empfiehlt, als sogenannte Ausrottungsimpfung, folgendes Verfahren: Jeder Impffähige muss ge- impft werden, aber unter genauester Berücksichtigung seiner Gesund- heitsverhältnisse und der epidemischen Konstitution; Arme unent- gelthch; die Impfung darf nur durch Aerzte geschehen; die Ge- impften müssen möglichst abgesondert und es sollen deshalb in allen Orten besondere Impf- und Pockenhäuser errichtet werden. Jeder Pockenfall ist sofort dem Arzt oder dem Pfarrer anzuzeigen; der](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21361277_0084.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)