Die Pathologie und Therapie der Neurasthenie : Vorlesungen für Studierende und Aerzte / von Otto Binswanger.
- Otto Binswanger
- Date:
- 1896
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Credit: Die Pathologie und Therapie der Neurasthenie : Vorlesungen für Studierende und Aerzte / von Otto Binswanger. Source: Wellcome Collection.
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![selbstverständlich für alle anderen Interessen allmälilich abgestumpft, und mußte der Anstaltspllege überwiesen werden. Sie haben damit die Skizze eines Krankheitsvorfalles, welcher aus dem Rahmen der Neurasthenie heraustritt und dem Irresem aus Zwangs- vorstellungen zugerechnet werden muß. Ueberhaupt finden Sie diese Fälle von Zwangsvorstellungen sehr häufig, ohne ausgeprägte neurasthe- nische Krankheitserscheinungen, als einen selbständigen psychopathischen Zustand, welcher auf dem Boden einer erblich degenerativen Veran- lagung zu Geisteskrankheiten entstanden ist. Sie können dann die An- fänge eines krankhaften Reinlichkeitsdranges, der aus der furcht vor der Berührung mit schädlichen Stoffen hervorgeht, schon bis aut die Kinder- resp. Entwickelungsjahre zurück verfolgen. Das 12-]ahrige Enkel- kind der vorhin genauer geschilderten Kranken zeigte diese Anlange m deutlicher Weise. Die Zwangsvorstellungen der Neurastheniker erreichen diese' Höhe nur in den selteneren Fällen. Im großen und ganzen werden Sie die Annahme bestätigt finden, daß das Auftreten von Zwangsvorstellungen im Verlaufe der Neurasthenie auf eine ererbte neuropathische Disposition zurückzufuhren sei bie können auch nicht selten den Nachweis leisten, daß bei erblich be- lasteten Individuen die Zwangsvorstellungen als selbständige psycho- pathische Erscheinung schon lange vor der Entwicklung der Neurasthenie bestanden haben. In solchen Fällen treten sie Ihnen auch ganz im Sinne Westphal's ohne emotive Grundlage als primäre Denkstorungen entgegen. So habe ich, um Ihnen wenigstens ein Beispiel hier anzutuhren, einen iungen, erblich belasteten Menschen behandelt, der schon jahre- lang vor dem Einsetzen seiner neurasthenischen Beschwerden sobald er einen Rohrstuhl sah, von der eigentümlichen Zwangsvorstellung be- fallen wurde, er müßte die Löcher des Rohrgeflechtes zahlen. Auch andere durchlöcherte Sitzbretter, z. B. sog. amerikanischer Stuhle, losten die gleiche Vorstellung aus. Er kam nicht dazu auf emem so chen Sitze Platz zu nehmen, weil er immer wieder die Zahl der Oeönungen revidieren mußte. In der Litteratur sind eine ganze Reihe ahnlichei Fälle niedergelegt, in welchen die Kranken entweder einzelne Zahlen- begriffe nicht aus ihren Gedanken verbannen konnten oder al^ei be- ständig zwangsweise sich mit mathematischen Problemen abquälen Aber auch ohne jede erbliche Belastung oder neuropathische Ver- anlagung, also bei erworbenen neuropathischen Zuständen, kommen vorübergehend Zwangsvorstellungen vor. Eine iimge, früher durchaus gesunde Frau, welche rasch hmter- einander z4ei Kinder geboren hatte, erkrankte, während sie das zweite Sd stmte, an einem ausgeprägten neurasthenischen ^^^^^^'V^^-^^.!^^.^ der sich durch leichte Angstgefühle, Schlaflosigkeit, Penkunlaliigkeit, nächtliche Remmiscenzenflucht, große motorische Hinfälligkeit s. kennzeichnete. Am quälendsten war ihr aber ''^^7'^^*' mische Gedankenreihe, welche sich ganz plötz ich f ^8^*^^«^./ Konversation mit einer befreundeten Dame entwickelt hatte und sie nun seit mehi'eren Wochen unablässig verfolgte. In dem Gespräche wai seitens ihrer Freundin der so überaus gebräuchliche Ausdruck: Ach Gott' gefallen. Sofort fielen ihr die Anfangsworte des zweiten Gebotes.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21294045_0138.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


