Ephialtes : eine pathologisch-mythologische Abhandlung über die Alptraume und Alpdämonen des klassischen Altertums / [Wilhelm Heinrich Roscher].
- Wilhelm Heinrich Roscher
- Date:
- 1900
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Credit: Ephialtes : eine pathologisch-mythologische Abhandlung über die Alptraume und Alpdämonen des klassischen Altertums / [Wilhelm Heinrich Roscher]. Source: Wellcome Collection.
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![bilder umgaukeln das halberwachte Bewusstsein, die Seele täuscht sich Dinge vor, welche in Wirklichkeit gar nicht existieren. So bleiben auch die Gestalten jener phantastischen Märchenwelt, in welche man sich eben versetzt sah, als Nachhall vor dem un- klaren Bewusstsein bestehen, und man meint, diese Dinge völlig wachend zu beobachten, während man in der That noch nicht ganz bei sich selbst ist. Die Schlaftrunkenheit ist ein fruchtbarer Boden für Sinnestäuschungen aller Art. . . . Der Schlaftrunkene mit der festen Ueberzeugung, ganz Herr seiner Sinne zu sein, sieht eben die Phantome, die ihn soeben schlafend quälten, mit offenen Augen und bei scheinbar freiem Bewusstsein.’ (Vgl. auch Strüm- pell, Natur u. Entstehung der Träume. Leipzig 1874 S. 34. 37. 125; Burdach, Die Physiologie als Erfährungswissenschaft III S. 465; H. Meyer, Physiologie d. Nervenfaser S. 30g, wo mehrere charakteristische Beispiele für dieses Fortbestehen der Traum- visionen nach dem Erwachen mitgeteilt sind). Ich brauche kaum hervorzuheben, dass solche nach dem Erwachen noch eine Zeit- lang fortdauernde Visionen unmittelbar auf der Grenze zwischen Traum und Hallucination, zwischen formalem und gestörtem Be- wusstsein (Manie) stehen und sich lediglich quantitativ, d. h. durch die kürzere Zeitdauer, von den Hallucinationen der Wahn- sinnigen unterscheiden. Bestehen sie Tage, Wochen, Monate hin- durch ungeschwächt fort, so hat man darin ein untrügliches Zeichen des Wahnsinns zu erblicken, wobei auch die Thatsache wohl zu beachten ist, dass „von den Geisteskranken häufig Träume als Ausgangspunkte bestimmter Wahnvorstellungen beschuldigt werden, indem das Geträumte für wirklich Erlebtes gehalten wird“ (Mendel in Eulenburgs Real-Encyclopädie d. ges. Heilkunde 3. Aufi. Bd. 5 S. 464 [Art. Delirium]; Spitta a. a. 0. S. 243 f. Anm. 1 mit weiteren Litteraturangaben; Radestock a. a. 0. S. 217 u. 225; vgl. 35 f. Binz a. a. 0. S. 23). psychischen Erregungen durch Schreck und Furcht vor (Soltmann a. a. 0.) Ein mit hochgradiger Spondylitis dorsalis behafteter 12jähriger Knabe wähnte wäh- rend des Anfalles in seinen Visionen, ein Thier sei ihm auf den Rücken ge- sprungen und wolle ihn erdrücken (a. a. 0. S. 426). Man ersieht daraus, wie nahe der pavor noctm-nus der Kinder dem Alpdruck verwandt ist. Vgl. auch Tylor, Anfänge der Cultur übers, v. Spengel u. Poske 2,193: 'Andere glauben, dass die Mury [Alpdämonen] nur Kinderblut saugen und bei Erwachsenen bloss Alpdrücken hervorrufen.’ Das Aussaugen der Kinder bezieht sich, wie Tylor nach- weist, auf gewisse abzehrende Kinderkrankheiten.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b2487677x_0018.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


