Medicin und Religion in ihren gegenseitigen Beziehungen : geschichtliche Untersuchungen / von Hugo Magnus.
- Hugo Magnus
- Date:
- 1902
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Credit: Medicin und Religion in ihren gegenseitigen Beziehungen : geschichtliche Untersuchungen / von Hugo Magnus. Source: Wellcome Collection.
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![zwischen Religion und Medicin obwaltenden Beziehungen. Medicin gesucht; denn war es im Stande, auch in allen leiblichen Nöthen dem Volke beizustehen, so konnte es um so sicherer auf eine Herrschaft über dasselbe rechnen. Aber die Religion hat der Medicin den Vorspanndienst, welchen ihr diese so lange geleistet hatte, reichlich vergolten. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass das Priesterthum durch Schaffung der heiligen medicinischen Bücher den ersten Grund zu einer wissenschaftlichen Ausgestaltung det Medicin gelegt hat. Man geht wohl nicht zu weit, wenn man im Hinblick auf diese Thatsache den Ausspruch thut: die Religion war die Nährmutter der Medicin. Und als dann die Medicin an Wissen und Können so erstarkt war, dass sie sich von dem Priester- thum trennte und auf eigene Füsse stellte, da bewies ihr die Re- ligion stets eine wohlwollende Berücksichtigung. Und das lag im Charakter der damaligen religiösen Culte. Denn die Religionen der hier in Frage kommenden Völker, der Aegypter, wie der Griechen und Römer, begünstigten ja doch den fröhlichen Genuss des irdischen Lebens. Ihre Götter fühlten irdisch und huldigten den Genüssen der Welt in recht menschlicher Weise. Mensch und Gott unterschieden sich in der Werthschätzung des irdischen Genusses nicht wesentlich von einander. Im Griechenthum tritt uns diese Freude am Leben in einer durch den Schönheitsdienst verklärten Form entgegen. Eine so geartete Religion musste aber der Medicin mit ganz besonderem Wohlwollen gegenüber stehen; sah sie doch in ihr eine Kunst, welche das harmonische Gleichmaass des Körpers und damit die Schönheit des Lebens zu erhalten trachtete. Und in gleichem Sinne erfasste die Medicin ihre Aufgabe; so nennt Hippokrates (Vorschriften, Cap. IX) das Wohlbefinden resp. die Gesundheit des Menschen cpuai5 euappoaxsuaa, eine in harmonischerUebereinstimmung sich befindende Natur. Und deshalb hielten die Hippokratiker (Das Gesetz, Cap. 1) die Medicin, welche diese harmonische Schönheit des körperlichen Lebens zu erhalten trachtet, für die höchste aller Künste (IyjTptvo] xeyyewv pev rcaoewv eaxiv e7iccpav£axaxr]) und stellten den Arzt, der vom philosophischen Geist beseelt diese Kunst übt, den Göttern gleich (Ueber den Anstand, Cap. V). Bei einer solchen Uebereinstimmung konnte aber von einer Reibung zwischen Religion und Medicin nicht die Rede sein, und deshalb hat die Religion der Griechen auch niemals daran gedacht, sich in die Angelegenheiten der Medicin irgendwie hineinmischen zu wollen.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b2244757x_0039.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


